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Briefe der Elisabeth Charlotte von Orléans 1673 bis 1715 / Ausgewählt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ludwig Geiger
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94 Briefe der Elisabeth Charlotte von Orlöans.

denke, so hoffe ich, daß I. L. dies abscheuliche Unglück überstehenwerden; wenn ich aber gedenke, daß mit diesem Tod alle ihreFreude dahin ist, und welch eine unaussprechliche Tendresse siefür die selige Königin gehabt, so fürchte ich, daß ihr Herz esnicht würde ausstehen können. Gott wolle uns gnädig davor be-wahren! Ich wollte lieber gleich in diesem Augenblick sterben,als dieses Unglück zu erleben. Euer Brief war gar nicht confus'geschrieben, ob Ihr zwar soviel zu thun habt, wie ich leicht ge-denken kann. Ich bitte Euch, liebe Louise, wenn Ihr I. L. denKurfürsten von Braunschweig sehet, macht ihm doch mein Kom-pliment, und sagt I. L., wie herzlich ich mit Part in diesem ab-scheulichen Unglück nehme, wie auch an Pate und Herzog ErnstAugust! Es ist, sozusagen, ein Glück, daß ws tsnts nicht beidiesem traurigen Spektakel gewesen; sie hätte es ohne Sterbennicht ausstehen können; zudem so würde es der sterbenden Kö-nigin auch zu nahe gegangen sein und glaube nicht, daß sie ihret'oi'insts gegen ins, tsrcks Thränen hätte halten können. Ach, liebeLouise, ich acceptiere die Offre gern, daß Ihr nur flüchtig schreibenmögt. Man hält mir meine Briefe auch vor, die, so ich gesternhätte Haben sollen, ist noch nicht ankommen, und die, so ich heuteempfangen, hätte ich schon vergangenen Montag oder Dienstaghaben sollen. Eure Schreiben, liebe Louise, sind so exakt, daßman ganz in Ruhe ist und wohl sieht, daß man recht erfährt,wie die Sachen stehen; also wird es mir ein rechter Trost sein,Briefe von Euch zu bekommen. Mein Gott, warum hat Gottder Allmächtige mich nicht eher, als diese liebe Königin, genommen,wovon ms tsrcks noch lange Trost und Freude hätte haben kön-nen. Und ich bin ja zu nichts nütze und habe lang genug ge-lebt. Aber man muß wohl wollen, was Gott will, und sich inseinen h. Willen ergeben, in dessen Schutz ich Euch hiermit be-fehle und versichere Euch, liebe Louise, daß ich Euch allezeit vonHerzen lieb behalte.

An die Kurfürstin Sophie.

(58) Versailles, 22. März 1705.

.... Ich bin wohl Herrn Leibnitz' Meinung, daß nichts in derWelt ohne Verhängnis geschieht, aber daß er sagt, daß man sichmit Geringes trösten muß, daß ist schwer; mir beucht vielmehr,daß der einzige Trost von E. L. sein solle, daß Sie eine so per-