Briefe der Elisabeth Charlotte von Orlöans. 101
An dieselbe.
(65) Marly, 20. August 1705.
Herzliebe Ameliese, es sind hier viele Leute, so I. L. die
Prinzeß von Ansbach gesehen, und loben sie alle sehr. Ich willhoffen, des Kurprinzen Heirat wird glücklich, weil es so lustig an-sängt. Freilich muß so eine Heirat den Hof aufmuntern. Alleshat seine Zeit, wie der König Salomon sagt, Trauern und Freu-den ; das Trauern hat lang gewährt, und es ist auch Zeit, daßdie Freude wiederkommt. Es ist ein großes Glück, wenn eineHeirat mit jedermannds Vergnügen geschieht; denn das geschiehtnicht allemal, wie ich nur zu wohl erfahren; wünsche sehr, daßdiese Heirat allezeit glücklich sein möge. Mein Sohn hat mireinen braven Schrecken eingesagt, hat sich mit seinem tollen Lebenkrank gemacht, mit Ballspielen, baden und seine Maitresse zu oftzu besuchen; es fing stark an, hat aber doch bald aufgehört,gottlob! denn er ist, gottlob, nun wieder ganz gesund.
An dieselbe.
(66) Fontainebleau, 7. Okt. 1705.
Gott gebe, daß die Einigkeit zwischen beiden jungen fürst-lichen Eheleuten immer währen mag! Ich wünsche es mehr, alsich es hoffen darf; denn die Welt ist so beschaffen, daß, was gutist, selten lang währt. Ich admiriere in Euch, liebe Ameliese, derMenschen Prevention und daß Ihr für so gar übel haltet, (welche)viele für so gut halten. Ich bin in der Sache neutral. Ichlasse jedermann seine Phantasiern und halte weder Gutes nochBöses davon. Ich sehe, daß es ein alter Glaube ist; bin ver-wundert, daß so viel Leute das Vertrauen drauf setzen können;aber ich bin nicht so verwundert über dies alles wie Ihr; dennich bin persuadiert, daß ein starker Glaube und Imagination vielzuwege bringen kann, wie man an den schwängern Weibern sieht.Wir armen Menschen wissen wenig, wie alles zu (geht). Ichbin aber wohl Eurer Meinung, daß es besser wäre, Spitäler zubauen als Reliquien zu zieren; glaube auch, daß es den Heiligenselber besser gefallen sollte. Aber wenn der Papst I. L. demKurfürsten die Reliquien gar teuer abkaufen sollte, finde ich, daßI. 8. gar wohl thäten, sie nach Rom zu schicken. Thun diePfaffen Narreteien mit, ist's für sie; das geht den Kurfürstengar nicht an.