Briefe der Elisabeth Charlotte von Orleans. 179
wie nun. Sie muß sich also gedulden, die Mutter ist wohl in-tentioniert vor sie und hat sie treulich lieb, sie kann aber nichtöffentlich thun, was sie gern wollte. Die Sach' muß gar behut-sam geführt werden, denn die Gefahr ist zu groß. Es ist nichtauszusprechen, welchen Zorn unser König gegen das Mensch hat.Laßt ihr doch dieses alles wissen!
An dieselbe.
(168) Marly, 22. Juli 1714.
Herzallerliebste Louise, gestern abend bin ich mit Euremlieben Schreiben vom 7. Juli erfreuet worden. Ich kann nichtbegreifen, wie es kommt, daß ich Eure lieben Schreiben so richtigempfange und Ihr keines von den meinigen, da ich alle die, soich von Euch bekommen, gar exakt beantwortet habe. Ich habeMonsieur de Martine gebeten, zu erforschen, woran es liegt, dennaußer einem, hat er sie alle bestellt. Liebe Louise, Ihr seht durchwas ich hier sage, daß es meine Schuld nicht ist, daß Ihr keineZeitung von mir habt. Ich bin selber verwundert, wie ich michnoch so wohl befinde, nachdem ich so erschrecklich innerlich leide.Ich habe keine andre Jnkommodität, als daß ich Mühe, nachtsin meinem Bett zu schlafen, habe, aber nachmittags werde ichsehr schläfrig, schlaf auch oft. Das ist alles, liebe Louise, wasich Euch von meiner Gesundheit sagen kann, aber Ihr sagt nichtsvon der Eurigen, liebe Louise, noch wie es mit Eurem Geschwürim Ohr geht, da ich doch sehr in Sorgen vor bin. I. L. derKurfürst von Braunschweig, mein Onkel s. hatte einmal wie ichnoch zu Hannover war, ein Geschwür im Ohr. Die gute Frauvon Harling war damalen noch meine Hofmeisterin, die ließ einschwarz Brot backen, worinnen man Lorbeer in den Teig gethanmit Blätter und Blumen und Kern, und das schnitt sie in derMitte auf und ließ es Onkel so heiß als er es leiden konnte,vor das Ohr halten; in kurzer Zeit brach es auf, da hatte I. L. s.gar keine Schmerzen mehr. Ich glaube nicht, daß Euch diesesschaden könnte, wenn Ihr es versuchen solliet, jedoch so examinierterst Euren Doktor hierauf, denn was einem gut ist, schadet demandern, wie man täglich erfährt. Ach, liebe Louise, halte ichkeine andre Betrübnis als die, daß Mad. de Berry zu früh insKindbett kommen und eine Tochter bekommen, so wäre ich leichtzu trösten. Das guie Kind ist wohl versorgt und gar gewiß bei