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Ludwig Häusser's Geschichte der französischen Revolution : 1789-1799 / Herausgegeben von Wilhelm Oncken
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I. I. Rousseau >17121778).

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Wenigsten hoffen durste Etwas zn leisten. Gleichwohl lag in die-sem bunten wirrevollen Leben Etwas, was siir ihn von Bedeutungwar. Er stand außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, die bestehendeOrdnung hatte für ihn keinen Reiz und zeigte ihm Seiten, dieAndern entgingen, er war heiinathslos in Genf, ein Flüchtling inFrankreich. Diese weltbürgerliche Unbestimmtheit seines Lebens hatauf sein Anschauen und Denken hinübergewirkt: er ist nie eigent-lich von Herzen Franzose gewesen und wie dem Charakter, so stander auch den gewohnten Lebensformen dieses Bolkes anders gegen-über als Alles, was zu reu tonangebenden Kreisen desselben ge-hörte. Dann lag in ihm Etwas, was geeignet war, ihn zumSprecher von Wünschen und Ansichten zu machen, die in Tau-senden sich unklar regten und wofür Voltaire und Montesquieunicht die Stimme führen konnten. Er hatte jenen Pessimismus,jene selbstquälerische Verzweiflung, jenes unbestimmte Sehnen indie Ferne, das die Empfindungen des gedrückten Theils der fran-zösischen 'Ration beherrschte, daneben hatte er einen Zug, der Vol-taire und Montesquieu ganz fremd war, einen Hang zu sentimen-taler Schwärmerei, einen phantastischen Idealismus, der aus einerübermächtigen Empfindung, einer nie gezügelten Einbildungskraft her-vorbrach und da, wo er zu Worte kam, mit erschütterndem Pathosdie Seele ergriff. Die Massen folgen dem, der ihre Gefühle zuerregen versteht, und dazu war Rousseau der Mann. Dabei hattesein Lebenslauf einen wunderbaren romantischen Reiz: wie glücklichstanden Voltaire und Montesquieu da, wie wenig wußten sie vonder 'Roth des gemeinen Mannes, die Rousseau selbst so bitter ge-kostet und die Masse hat eine natürliche Sympathie zu Charakteren,in deren Schicksalen sie das Bild ihres eignen Elends wiederfindet;vollends warf sein räthselhafter plötzlicher Tod, wahrscheinlich durcheigne Hand, einen tragischen Schatten auf ihn; die Welt meintedamals er sei das Opfer der Roth und Entbehrung, ja vielleichteines Verbrechens geworden.

Die erste Hälfte des Jahrhunderts war beinahe abgelaufen,Rousseau war 48 Jahre alt und noch immer quälte er sick mitDingen, für die er nicht geboren war, Rotenabschreiben, Compo-niren und allerlei musikalischen Versuchen; als Schriftsteller hatte ernoch nichts irgend Bedeutendes hinausgegeben. Aber er war nachParis gekommen (seit 1741) und hatte mit bedeutenden Männern