64
Einleitung. 3.
Später glaubte er auch die Nationalversammlung damit täuschenzu können, aber das gelang ihm nicht.
Im Uebrigen war der Bericht dadurch bedeutsam, daß er indie Wildniß des französischen Finanzwesens eine Einsicht gab unddenen, die tiefer zu blicken im Stande waren, Stoff zum Rech-nen und Denken verschaffte. Ferner legte er die unermeßlicheVerschwendung des Hofes bloß und wies so mit dem Finger aufden wundesten Fleck hin, der unter allen Umständen Reformenerheischte. Für die Unvermeidlichkeit der Reformen, um derenwillen Turgot gestürzt war, bildete der Bericht die allerberedtesteSchutzschrift.
Necker konnte es nicht über sich gewinnen, die Schrift bloßdein König vorzulegen, er wollte öffentlich mit ihr glänzen undließ sie deßhalb drucken. Das war in jeder Monarchie ein unge-wöhnlicher Schritt, vollends in einer absoluten, zu deren echtestenZügen die Heimlichkeit der Verwaltung gehörte. Necker durchbrachdiesen Bann und die Welt trug ihn dafür auf Händen. Dersachliche Werth der Zahlen des Berichtes ward damals weit über-schätzt, wie angreifbar die Berechnungen waren, ist später schlagendgezeigt worden; aber das Verdienst blieb ihm, daß er überhauptgesprochen, daß er einen Gegenstand von so eminenter Bedeutung,der bisher in absolutem Geheimniß gehalten worden war, deröffentlichen Besprechung zugänglich gemacht hatte.
Der Hof, schwer compromittirt wie er war, gerieth in dieäußerste Erbitterung und überschüttete Necker mit leidenschaftlichenAngriffen. Necker fühlte sich dadurch gekränkt und verlangte vornKönig, daß ihn dieser zur Genugthuung für die Angriffe des Hofeszum wirklichen Controleur AÖneruI ernenne und ihn als Beisitzerin den königlichen Rath zulasse. Der König schlug das Begehrenab und Necker wußte, daß seine Stunde gekommen sei. Neckertrat zurück (19. Mai 178l> und die öffentliche Meinung zogdie Lehre, daß mit diesem Hofe überhaupt nicht zu wirthschaftensei. Geschmeidiger als der kühne Reformer Turgot hatte Neckernicht auf Aenderungen, die innern Revolutionen gleich kamen,sondern nur auf Ersparungen gedrungen, um wenigstens ein leid-liches Verhältniß zwischen Einnahmen und Ausgaben herzustellenund doch war auch er gefallen.