Band 
Band I. 1874.
Entstehung
Seite
311
JPEG-Download
 

Sud Rosa.

311

sei hier nur an Jffland's „Jäger" und an Maler Müller's Schilde-rungen aus dem pfälzer Volksleben erinnert, in welchen jeder Amtmannvon vornherein als Schuft gilt. Aber die Leute wußten damals dieQual des Daseins noch manchmal zu vergessen bei sinnigen Sitten undGebräuchen, Festen und Umgängen. Das Leben war farbiger, blumigerals jetzt; beim Reihen um die Linde wie beim Johannisfeuer schöpftedas Herz wieder Freude am Dasein. So blühte auch um das Jäger-schlößchen ein buntes Leben, an welchem sich die Familie des Jäger-meisters gern betheiligte. Und als die alte Kurpfalz im Sturm derZeit untergegangen und wie ein morsches Gebäude im Revolutions-orcan aus Südwesten in Trümmer zerfallen war, erinnerten sich auchDiejenigen, welche mit Zähneknirschen jener unwürdigen Zustände ge-dachten, mit leuchtenden Augen der verflossenen Zeit, wo man noch inReihen um die Dorflinde hüpfte, über das Sonnwendfeuer sprang undsingend und jubelnd die Dorfmark umging.

Kurz vor dem Ausbruch der französischen Revolution war es derFamilie von Wollberg gelungen, in völlig freien Besitz des Jäger-schlößchens und der mit ihm verbundenen, noch verbliebenen Güter zugelangen. Der junge Erbe des Titel eines Jägermeisters hatte ausLiebe eine bürgerliche Waise heimgeführt und bei seinem Vater um soweniger Widerstand gefunden, als dessen Adelsstolz durch die philo-sophischen Ideen der Zeit und den Druck einer bedeutenden Schuldenlastgeschmeidigt worden war, die Schwiegertochter aber ein großes verfüg-bares Capital mitbrachte, womit das verschuldete Gut zu einem höchsteinträglichen erhoben werden konnte. Der Festigkeit und Klugheit dieserFrau hatte man nachher auch die Erhaltung desselben in einer Zeit zudanken, wo alle Adelsgüter und Fideicommisse in der Pfalz verlorengingen. Sie blieb nämlich, trotz so manchen Versuchs, auch sie zu ver-drängen, während der Revolutionsjahre ruhig auf dem Jägerschlößchensitzen, als die Emigrationen über den Rhein begannen. Durch Verstandund Entschiedenheit rettete sie nicht blos ihr eigenes, sondern auchgrößtentheils das Vermögen der Familie ihres Schwiegervaters, wäh-rend die Güter der Ausgewanderten unerbittlich eingezogen, als Natio-nalgut erklärt und nie wieder herausgegeben wurden.

Nach dem Tode ihres Gemals führte sie die Verwaltung ihrerGüter für ihre beiden Kinder mit Glück und Geschick fort. Der Sohnhatte als Ofsicier die Napoleonischen Feldzüge mitgemacht, war nach demSturz des Kaisers als Ritter der Ehrenlegion in seine wieder deutschgewordene Heimat zurückgekehrt. Erfand es aber bald nöthig, in BädernHeilung für seinen durch Strapazen und Verwundungen mitgenommenenKörper zu suchen. Dagegen befand sich Gretchen, das Töchterlein desHauses, bei der Mutter. Oefters fand sich Abends auch der Sohn desgreisen Dorfpfarrers Vollmer ein, der damals als Vicar seines Vatersdie Pfarrei versah. Die Frau Jägermeisterin, wie man die Schloßherrinallgemein nannte, hatte ihm frühzeitig ihr Wohlwollen geschenkt undließ ihn frohe Hoffnungen hegen, daß er ihr dereinst noch näher treten