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Robert Schumann als Bperncomponifl.
wem und aus welchem Musikstoff solcher Faden gesponnen wird. Begreif-licherweise fiel der Bühnenrücksicht auch zum Opfer, was an der Genovefa-Legende das Rührendste und Poetischeste ist: der Aufenthalt der von denMördern verschonten Genovefa in tiefer Waldeinsamkeit, wo sie sieben Jahrelang mit dem kleinen Schmerzenreich und der Hirschkuh lebt, bis ihr vonNeue und Schwermuth gefolterter Gemal auf einer Jagd zufällig die Todt-geglaubte entdeckt und überglücklich auf sein Schloß zurückführt. Schumann'sTextbuch ist dürftig und interesselos, namentlich in der Charakteristik derHauptpersonen; ohne die legendenhafte Berklärung Tieck's und ohne diescharfe psychologische Motivirung Hebbel's wird hier Goto zum gewöhn-lichen Theaterschuft, Genovefa zur langweiligsten Dulderin, Graf Siegfriedzum Schwachkopf. Tieck's alte Versucherin Gertrud und Hebbel's bösesSchwesternpaar hat Schumann in eine Solohexe, Margarethe, zusammen-geschmolzen, die sich nicht merklich von ihren zahlreichen Operncolleginnenunterscheidet. Widerwärtige Vorgänge aus Hebbel's Drama wiederholen sichgenau in der Oper mit noch abstoßenderer Wirkung, z. B. die Scene, wodas Burggesindel in Genovefa's Schlafzimmer dringt, den unschuldigen altenDrago herauszerrt und tödtet, schließlich die Pfalzgräfin unter wüstem Hallohdavonschleppt. Die Lösung ist gewaltsam überstürzt: kaum hat Siegfried denGolo zur Tödtung Genovefa's abgeschickt, als er auch schon, geführt von derreumüthigen Hexe, im Walde ankommt, um Genovefa zu retten. Mit diesemWiederfinden im Walde — wir müssen lange genug darin verweilen —könnte die Oper füglich schließen; aber die Scene wird nochmals verwandelt,um die Ankunft der Geretteten auf der Burg unter Choralklängen undGlockenläuten zu feiern.
Zu diesem Textbuche hat Schumann eine Musik geschrieben, die, vonkeuscher Empfindung durchdrungen, von edlem Ausdruck getragen, vor Allemdanach strebt, mit unbestechlicher Treue das Wort des Dichters zu interpre-tiren. Leider krankt seine Musik an dem einen unheilbaren Uebel, undrama-tisch zu sein. Schumann's ganze Natur, auf ein tief innerliches Arbeitenund ein höchst subjectives, bis zur Grübelei verfeinertes Empfinden gestellt,war undramatisch, unfähig, sich an die Charaktere eines Dramas so zu ent-äußern, daß diese als lebendige, scharf ausgeprägte Personen vor uns stehenund gehen. Alle Charaktere in der „Genovefa" und deren verschiedensteSeelenzustände erblicken wir gleichmäßig gefärbt durch das Prisma derSchumann'fchen Subjectivität. Nehmen wir beispielsweise Golo heraus, dietreibende Kraft des Ganzen. Wie ärmlich flackert in seinem Gesang dieLiebesgluth, die in Heller Lohe aufschlagen soll! Mit welcher matten Beschau-lichkeit raubt er der schlafenden Genovefa den Kuß — bei Hebbel eineSceue von so glühender Sinnlichkeit, daß die Luft wie vom Samum zuerzittern scheint. Nun hat Golo mit Genovefa noch zwei Duette (im zweitenund im vierten Act), die jedem echt dramatischen Componisten die feurigstenMelodien abgepreßt und ihn außerdem gedrängt hätten, beide Scenen durchaußerordentliche Steigerung und charakteristischen Gegensatz auseinander-zuhalten. Bei Schumann erscheint die erste kühne Liebeswerbung Golo's undseine verzweifelte letzte in demselben trüben Dämmerlicht und deklamatorischenZickzack. Es ließen sich ohne Schaden ganze lange Stellen aus Golo's oderSiegfried's Rolle in jene Genovefa's übertragen und umgekehrt, so gleich-mäßig ist die Behandlung. Man hört diesen Mangel meistens durch denAusspruch erklären, die Musik zur „Genovefa" sei zu lyrisch. Mehr lyrisch