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Band I. 1874.
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Robert Schumann als Dperneomponist.

wie „Tristan" oder die „Meistersinger". Dieses Zusammentreffen ist keinzufälliges oder rein ideelles; eine directe Einwirkung Wagnerischer Musik hatmindestens beigetragen. Lebhaft erinnere ich mich des Abends, wo ich imSommer 1846 mit Schumann und seiner Frau den „Tannhäuser" unterRichard Wagner's Leitung im Dresdener Hoftheater hörte. Schumann, denich Tags vorher bei der Lectüre der „Tannhäuser"-Partitur angetroffen, ver-folgte die Aufführung mit gespannter Aufmerksamkeit, fand zwar die Musikhin und wieder „gering" oder „gemein", lobte aber mit Wärme die „Be-handlung des Dramatischen. Gerade zwei Äahre später (August 1848)vollendete er seine „Genovefa". Die fundamentale Verschiedenheit seiner Be-gabung von jener Wagner's schien ihm somit nicht allzusehr aufzufallen unddoch muß jeder Unbefangene nach den ersten Nummern des „Tannhäuser"und der „Genovefa" im Klaren darüber sein, daß Wagner ein eminent dra-matisches Talent ist und Schumann das Gegentheil. Man kann ein genialerTondichter sein und doch für die Bühne nicht zu schreiben verstehen.

Dasselbe vergebliche Ringen auf dem Felde der Operncomposition ge-wahren wir vor Schumann bei Franz Schubert und Mendelssohn. —Diese Meister sind uns schon deshalb verloren gegangen, weil Mendelssohn in derTextwahl zu kritisch, Schubert zu kritiklos vorging. Ersterm war kein Libretto gutgenug, Letzterm ein jedes. In ihrem Verhältniß zur Bühne zeigen Men-delssohn und Schumann, die beiden Häupter der romantischen Instrumen-talmusik, eine auffallende Verwandtschaft mit der romantischen Dichterschule,unter deren Einfluß sie auch von Haus aus standen. Welche Anstrengung,welchen Ehrgeiz wendeten die Schlegel, Tieck, Platen, Immermann, Eichen-dorff daran, gerade als dramatische Dichter zu gelten! Und was brachtensie zuwege? Geistreiche Spielereien, Buchdramen, Curiosa, die, in gewagtemVersuch über eine und die andere Bühne huschend, dem öffentlichen Kunst-leben der Nation fremd blieben.

Wie ist auch dies Tasten und Suchen grundverschieden von der instinc-tiven Naturkraft, mit welcher Goethe und Schiller auf das Drama, Mozartund Weber auf die Oper losgingen! Es klingt so einfach und wird doch soüberaus häufig übersehen, daß für die Operncomposition zwei Eigenschaftenunerläßlich sind, welche bei deutschen Tondichtern, mitunter den besten, ver-hältnißmäßig selten vorkommen: specifisch dramatisches Talent undKenntniß der realen Bühne. In beiden Dingen sind uns im Allge-meinen Franzosen und Italiener voraus. Ob er ein ausgesprochenes speci-fisches Talent für Operncomposition habe, das pflegt ein deutscher Componist,der etwa im Instrumental- oder Liederfach Erfolge errungen, sich selten ernst-haft zu fragen.

Schubert's Talent war ein eminent lyrisches, so bestechend auch einige„dramatische" Züge in seinen Liedern hervorleuchten. Die Schönheiten in seinenOpern sind durchaus lyrisch, liedmäßig, das Dramatische darin ist schwach,entbehrt des energischen Zugs und der dialektischen Bewegung. Seine Opernund Singspiele (er hat deren vierzehn geschrieben) sind spurlos verschwunden,trotz mehrfacher Wiederbelebungsversuche, weil sie eben auf der Bühne nichtlebensfähig sind. Ein einziges, lange nach Schubert's Tode bekannt geworde-nes Singspiel: „Der häusliche Krieg" hat durch seine reizende Liedermusikhier und da Aufnahme gefunden, kaum für lange Zeit. Aus Mendelssohn'-Briefen ist bekannt, wie durch seine ganze glänzende Laufbahn sich die Sehn-sucht nach dramatischer Wirksamkeit rastlos durchzog, ohne jemals Befriedigung