Band 
Band I. 1874.
Entstehung
Seite
735
JPEG-Download
 

735

Robert Schumann als Bperncomponist.

testen Componistcn; ihre zahlreichen Collegen zweiten Ranges sind in Deutsch-land so gut wie ignorirt. Hingegen ist die Zahl der neuen deutschen Opern,die alljährlich in Deutschland zur Aufführung kommen, eine sehr stattliche;das Verzeichniß der in den letzten zwanzig Jahren in Deutschland aufge-führten deutschen Opernnovitäten ist riesig. Der Unterschied ist nur, daß diemeisten französischen und italienischen Opernnovitäten sich durch ihre Wir-kung auf dem Repertoire erhalten, also bleiben, während die Deutschen inder Regel keinen Erfolg haben, also rasch verschwinden. Daran müssen dochdie Compositionen selbst ein wenig schuld sein. Auch was man von denmächtigen Reclamen für ausländische Products vorbringt, ist irrig. Sie ge-nießen in Deutschland keine andere Protection, als den vorausgegangenennachhaltigen Erfolg in europäischen Hauptstädten. Was Reclame betrifft, sohaben gewisse Opernnovitäten von Berlin, Stuttgart, München, Leipzigund Köln (ich will keine Namen nennen) die großartigste Unterstützungvon dieser modernen Fee genossen. Aber die meisten dieser vom Localpa-triotismus bejubelten Opern werden schon in der nächsten Stadt, welche denVersuch damit macht, sehr kalt aufgenommen, ja selbst in der glücklichenVaterstadt Pflegen sie ihren ersten Triumph nur kurze Zeit zu überleben.Solche Erfahrungen sollten unsers deutschen Componisten doch endlich geneigtmachen, ein wenig mit sich selbst zu Rath zu gehen und nicht immer dieSchuld ihrer Mißerfolge auf Andere zu wälzen. Es giebt ein sicheres Mittel,die Opern von Verdi, Gounod, Thomas und Offenbach aus Deutschland zuvertreiben: wir brauchen blos bessere oder eben so gute zu machen. Wie dank-bar und glücklich unser Publicum ist, wenn ihm eine gute deutsche Novitätgeboten wird, das beweisen die Opern von R. Wagner, die sich über keineausländischen Rivalen zu beklagen haben. Sie sind eben (mag man noch so vielgegen sie auf dem Herzen haben) Werke eines specifisch dramatischen undmit großer Bühnenkenntniß arbeitenden Talentes. Das ist — um zumAusgangspunkt unserer Betrachtungen zurückzukehren — eine Ausnahme inDeutschland. Zur Regel sollte aber allmälig die Einsicht werden, daß manohne ein ausgesprochenes dramatisches Talent und ohne Bühnenkenntnißbesser daran thut, keine Opern zu schreiben. Wagt man es, diese Wahrheitgelegentlich einer neuen deutschen Oper irgend eines „vaterländischen Talen-tes" offen auszusprechen, so verfällt man unbarmherzig dem Schein der Lieb-losigkeit. Darum habe ich diese Bemerkungen an die Oper eines „Unsterb-lichen" geknüpft, der sie nicht mehr hören kann und wenn er es könnte, inseinem unantastbaren Reichthum leicht verschmerzte. Der Grund, warumSchumann's „Genovefa" nicht lebensfähig ist, reicht weit über die Persön-lichkeit dieses großen Meisters hinaus und wurzelt tief in der eigenthümlichenNatur der Deutschen und ihrer Musikanlagen.