6z4 . Staatsgeschichte von einem
narchen blosgeben konnte. Dem sey nun aber, wie ihmwolle, so fände sie Ludwig in dem allerersten Anfang sei-ner Vertraulichkeit, gar geduldig und gelind gegen gewisseSchwachheiten, mit welchen sich die wahre Frömmigkeitnicht vertragen kann. Er suchte in den Unterredungenmit ihr sich über den Verdruß zu trösten, welchen ihmderHochmuth und Eigensinn der Marquise vonMontespanverursachte. So lange sie merkte, daß diese alte Leiden-schaft noch einige Wurzel bey ihm harte, so tröstete sieden einen, und entschuldigte die andere, und versöhnte diebeiden Verliebten wieder. So bald sie aber erkannte, daßLudwig sich von diesen Banden losgemacht hatte, so ver-schaffte sie ihm solche Beweggründe, die am fähigsten wa-ren , ihn zum völligen Bruche zu bestimmen; indem sieden Monarchen sehr aufmerksam beobachtete, seiner Ver-änderlichkeit nachgab, und auch seinen Eckel zu unterstü-tzen wüste.
In diesen Unterhaltungen war es, daß sie Gelegen-heit hatte, das verborgene Mittel der Triebfeder der Re-ligion zu gebrauchen; und einzusehen, daß wenn es aufeine geschickte Weise angebracht würde, so würde es mitdesto größerem Nachdruck bey Ludwigen seine Wirkungthun, weil das Feuer der Leidenschaften und die Hitze desTemperamentes, weiche bey ihm nach und nach auslösche-ten, die häufigen Vorurtheile^ welche die gottselige Köni-ginn seine Frau Mutter ihm beygebracht hatte, noch nichtersticket hatten. Sie sahe ein, daß eine blinde Frömmig-keit einmal die liebste Tugend eines Fürsten werden würde,welcher die Untersuchungen hassete, welcher wenige Ein-sicht und desto mehr Gewissensangst über sein Verhaltenhatte. Und in der That unterhielte sie so geschickt dieseNeigungen, daß die Frömmigkeit gqr bald die Schwach-heit Ludwigs wurde, und sie machte seine herrschendeSchwachheit daraus, indem sie alle die andern auf diesehinlenkte. Sie war selbst eine desto unlaugbarere Andäch-tige, je gewissenhafter Ludwig nach und nach wurde; ihre
Andacht