Buch 
Novellen / von Conrad Ferdinand Meyer
Entstehung
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richteten Bittgänge nach einer benachbarten Kapelle zu-rück. Der Putz der Gottesbraut begann. Im Kreiseder psalmodirenden Nonnen umgürtete sich die Novizemit dem groben, dreifach geknoteten Stricke und entschuhtedann langsam ihre kräftig, aber edel gebildeten Füße.Jetzt bot man ihr die Dornenkrone. Diese war, andersals das symbolische Gaukelkreuz, aus harten, wirklichenDornen geflochten und starrte von scharfen Spitzen.Gertruds ergriff sie begierig und drückte sie sich mitgrausamer Lust so derb auf das Haupt, daß daraus derwarme Regen ihres jungen Blutes hervorspritzte unddann in schweren Tropfen an der einfältigen Stirneniederrann. Ein erhabener Zorn, ein göttliches Gerichtflammte vernichtend aus den blauen Augen der Bäuerin,sodaß die Nonnen sich vor ihr zu fürchten begannen.Sechse derselben, welche die Aebtissin in das frommeSchelmstück mochte eingeweiht haben, legten ihr jetzt dasGaukelkreuz auf die ehrliche Schulter mit so plumpenGrimassen, als vermöchten sie das Spielzeug kaum zutragen, und mit so dumm heuchelnden Gesichtern, daß ichin der That die göttliche Wahrheit im Dornenkranze zusehen glaubte, öffentlich geehrt und gefeiert von der mensch-lichen Unwahrheit, aber hinterrücks von ihr verspottet.