Buch 
Novellen / von Conrad Ferdinand Meyer
Entstehung
JPEG-Download
 

368

Ueber die Alp! Wende dich nicht um! Ich gehedurch die Schlucht! Läufst du mir über den Weg,so werfe ich dich in den Strom!"

Sie sah ihn jammervoll an. Seine Todesblässe,das gesträubte Haar, das unglückliche Antlitz erfülltensie mit Angst und Mitleid. Sie machte eine Bewe-gung gegen ihn, als wollte sie ihm mit beiden Hän-den die pochenden Schläfen halten. „Hinweg!" riefer und riß das Schwert aus der Scheide.

Da wandte sie sich. Er blickte über die Brüstungund sah, wie sie in wildem Laufe durch die Alp eilte.Auch er verließ das Kastell und schlug, von dem nahenTosen des Stromes geführt, den Weg gegen die Schluchtein, die furchtbarste in Rätien. Gnadenreich gab ihmkein Geleit.

Da er in den Schlund hinabstieg, wo der Stromwüthete, und er im Gestrüppe den Pfad suchte, störtesein Fuß oder der ihm vorleuchtende Wetterstrahl häß-liches Nachtgevögel auf und eine pfeifende Fledermausverwirrte sich in seinem Haare. Er betrat eine Hölle.Ueber der rasenden Fluth drehten und krümmten sichungeheure Gestalten, die der flammende Himmel aus-einanderriß und die sich in der Finsterniß wieder um-