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Zweites Buch.
respektvoll und freundlich behandelt. Mochten sich die anderennoch so lebhaft und erregt gebärden, er blieb immer ruhig undgleichmütig und brachte seine Sprüche gelassen vor. Er warhager und zusammengeschrumpft, vielleicht etwas vor der Zeit,da ihn Sorgen mancher Art bedrückten; seine langen Haarewallten auf den schmalen Spitzkragen seines altdeutschenMäntelchens herunter, das ihm die Frau nach seiner Zeichnungund Anleitung zurechtgeschnitten. Es war gleich der übrigenKleidung, sowie dem vor hohem Alter seines Inhabers etwasin Gelbliche stechenden, langen und eisgrauen Bart von gelb-grauer Farbe und einigermaßen verschossen. In früheren Jahrenwar er, eine wahre Sehenswürdigkeit Zürichs, mit einem Barettund gelegentlich mit einer Laute einhergeschritten, woran einblaues Band hing. Diese Laute schlug er auch, wenn er da-heim dichtete, wozu er sich oft auf ein ledernes Pferd setzte,wie es die Turner zu ihren Uebungen benutzen.
Bei schönem Wetter versammelte sich die Gesellschaft unterden Bäumen von Mariafeld zuerst zu einer Tasse Kaffee, oderman nahm in einer Veranda im Blumengärtchen der FrauEliza Platz. Hierauf spazierte man im Garten oder Wille lasvor, was er meisterlich verstand. Meyer hörte ihn Reuter vor-lesen, den er gleich vom Blatt ins Hochdeutsche übertrug, fernerden ganzen Shakespeare und bewunderte ihn namentlich imFaust, dessen Mephisto er mit einer genialen Bosheit auszu-statten vermochte; überhaupt war ihm wohl, wie dem Fisch imWasser, sobald er auf etwas Problematisches geriet. Nach demAbendbrot wurde musiziert oder konversiert, wobei dafür gesorgtwar, daß die Unterhaltung, die oft bis nachts elf Uhr währte,keinem lang vorkam.
Romanzen und Bilder.
Dem Willeschen Kreise, den die Geschwister von Küß-nacht aus beinahe regelmäßig jeden Mittwoch aussuchten, unter-breitete Meyer ältere Entwürfe und neu entstandene Gedichte,