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Zweites Kapitel
Stunde wieder aufzublühen? Lassen sich Spuren vonGiovanni Santi's Denkweise in Raphael's Entwicklungfinden?
Es steckt eine Weltanschauung in Giovanni Santi's Dichtung. Aus eigner Erfahrung und aus Büchern warsie ihm zugewachsen. Er mußte, um so schreiben zukönnen, viel gelesen haben. Er giebt einen Aufbau dergeistigen Thätigkeit seiner und der früheren Zeit: nichtden bildenden Künstlern aber, sondern den Dichtern undden Geschichtsschreibern räumt er die erste Stelle ein.Hätte die Ausübung der Malerei Giovanni ausreichendeMittel geboten, seinem Triebe, mit den Gedanken ineiner idealen Welt zu wohnen, gerecht zu werden, sowürde er sich vielleicht nicht in solchem Maße der Dicht-kunst zugewandt haben. Sein Dichten war ein beruhi-gendes Werk für ihn. Wir sehen einen mit Handarbeitund Familienlast beladenen, vielleicht kränklichen Mannim Aneinanderreihen von Terzinen befangen. Jahre-lang muß er Tag für Tag aus Stunden die Einsamkeitgesucht haben, um sein Pensum zu erledigen. Ein Be-dürfniß nach Sammlung und nach Vergessen des Alltäg-lichen redet uns aus seinen Versen an. Mehr als einmalfinden wir bei ihm die Wendung: ,i pensieri in insrivolti', ,die Gedanken in mich selbst gekehrt',' sie kehrenin einem der Sonette Raphael's wieder.
Giovanni Santi's schreibender 'Heiliger Hieronymus',ein großes Gemälde das im Museum des Lateran steht,würde auch wenn man nicht wüßte, von wem das Werkherrührt, Eindruck machen. Der Heilige, den man alsVerfasser der lateinischen Bibelübersetzung den vier Evan-gelisten zuzurechnen pflegte, sitzt da als suche er einenGedanken in sich zu sormuliren, um ihn mit, ich möchte