Buch 
Das Leben Raphaels / von Herman Grimm
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------ Zweites Kapitel -----

Kindern zu behüten/ Anderen zufolge hatte er ein jüngeresAlter. Die Künstler durften es halten, wie sie wolltenund ihre Unbefangenheit zeigt sich wenn ganze Folgendes Marienlebens dargestellt werden. Die schönste Er-zählung des Lebens der Maria in vielen Bildern stammtvon Dürer , zu derselben Zeit in Deutschland entstanden,wo Raphael das Sposalizio malte. Dürer's Darstellungder Scene, freilich nur ein Holzschnitt, bleibt neben demWerke Raphael's die reinste. Joseph steht als uralterMann Maria gegenüber und scheint auf Geheiß desPriesters erst heranzutreten. Es liegt etwas Zögerndesin seinem Wesen, als schäme er sich, die hohe Ehre an-zunehmen. In den folgenden Bildern aber wechseltDürer dann mit Joseph's Gestaltung. Bei der Fluchtnach Aegypten und bei der Zimmermannsarbeit ist Josephein kräftiger Mann in den besten Jahren, mit vollemHaar und Barte und von durchaus anderer Gesichtsbildungals bei der Trauung. Dieselbe Freiheit nimmt sich Ra-phael, der auf seinen Madonnenbildern Alter und Jugend,Kahlköpfigkeit und Haarwuchs, vollen Bart und glattesKinn, schlichtes und geringeltes Haar bei Joseph wechselnläßt. Auf dem Sposalizio aber hat Raphael ihn geistigbedeutender als jemals später auf seinen Madonnenbilderngestaltet. Wie das Christkind auf seinen späteren Werkenals höchster Ausdruck dessen erscheint, was unter demBegriffe Kind denkbar ist, stehen Joseph und Maria aufdem Sposalizio als das Ideal von Eheleuten vor uns.Obgleich beide durch ihre Haltung schon als Hauptpersonenhervortreten, hat Raphael durch einen unscheinbarenKunstgriff dieses Hervortreten verstärkt, und wie bewußter ihn angewandt hat, zeigt seine letzte Madonna, dieSistinische, bei der er Aehnliches auf ähnlichem Wege