Buch 
Das Leben Raphaels / von Herman Grimm
Seite
79
JPEG-Download
 

Beschreibung der Schule von Athen

79

Wie Michelangelo in den Sibyllen der sistinischen Capelleeine doppelte Reihe weiblicher Erscheinungen zur An-schauung bringt: jungfrauenhafte heroische Kraft undmütterliche geistige Gewalt, so hier Raphael in den vierGestalten an der Decke der Camera della Segnatura.Die Onusarum OoZnitio gehört mehr zu den Jungfrauen,die Divinnrum roruin Gotitin hat mehr etwas Frauen-haftes, Mütterliches.

Den Namen .Schule von Atheick finden wir bei Ra­ phael oder in seinen Zeiten so wenig wie den .Disputs.Beide sind spätere Erfindungen und haben auf die Er-klärung der Gemälde größeren Einfluß gehabt als ihnenzukam. Frühere Skizzen der Composition sind nicht vor-handen, dagegen besitzen wir sin Mailands den General-carton, nach dem die Malerei auf die Wand gebrachtwurde und der für die Disputa fehlt: eine sorgfältigdurchgeführte umfangreiche Zeichnung, der einzelne Fi-guren des Gemäldes mangeln, welche während der Ma-lerei noch hinzugesetzt worden sind.

Wir blicken in hohe Hallen hinein, die einen Tempelbedeuten können. Eine herrliche, groß gedachte Architektur,die Blüthe dessen, was Bramante in der Phantasie trug:ein Bild der Peterskirche, wie sie seinen Gedanken nacheinmal dastehen sollte. Dies nur eine Vermuthung, abereine oft wiederholte, heute angenommene. Dieser Bauruht auf einer Höhe, zu der eine das ganze Gemäldedurchschneidende Reihe von Stufen hinansührt. All dasist erfüllt von einer Versammlung: Männer, Greise undJünglinge, die durcheinander strömend, die Höhe, dieTreppe und den Raum unten erfüllen. Rechts und linksunten im Vordergründe besonders starke Massen von Ge-stalten; in der Mitte oberhalb der Treppe und unter