Buch 
Das Leben Raphaels / von Herman Grimm
Seite
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----- Viertes Kapitel -----

mälde der Camera della Segnatura, das so viel Schick-sale gehabt hat, tritt Paulus in seiner Kraft und Schön-heit weniger hervor als auf dem Carton zu Mailand ,der als Raphael's eigne und unveränderte Handzeichnungdie Gestalt des Paulus in überzeugender Frische bewahrt.Hier erkennen wir die Verwandtschaft dieses jugendlichenPaulus mit dem der heiligen Cäcilia erst in vollemUmfange.

Es ist viel Gelehrsamkeit darauf verwandt worden,Vasari's Angabe, nicht Paulus , sondern Aristoteles seiin dieser Gestalt von Raphael dargestellt worden, derDeutung Ghisi's gegenüber zu vertheidigen. Man fängtallmählich aber an, davon abzustehen. Wie überhauptaufgegeben wird, in sämmtlichen Gestalten der Schulevon Athen den künstlichen Aufbau einer Geschichte dergriechischen Philosophie zu sehen. Zweihundert Jahrebeinahe nach Raphael's Tode erst, zu Ende des sieb-zehnten Jahrhunderts begannen diese Deutungsversuche.Zu Gunsten der Annahme der beiden Mittelfiguren alsAristoteles und Plato spricht am meisten die breite, schöneBeschreibung des Gemäldes in diesem Sinne, die Goethein der Farbenlehre giebt. Hier stellt er die beidenPhilosophen als Repräsentanten zweier Weltanschauungenauf, die die Menschheit, so lange wir von ihren Gedankenwissen, vereint und auch getrennt gehalten haben. Ent-gegen aber steht wieder dieser Meinung Goethe's, daßwir die Zeiten Raphael's nicht als von diesem Gegen-satze bewegt sehen. Beide Philosophen haben für Raphaeltiefere Bedeutung nicht gehabt, während ihn die Ge-staltung des Paulus seinlebelang beschäftigte. UnterPaulus' Zeichen ward die Reformation der Kirche ange-strebt, deren Anfänge sich so lange Raphael lebte in allen