Viertes Kapitel
Y4
Behandlung nach etwa der Frankfurter Studie für dieDisputaß. Auch hier scheint es, als habe Raphael, imGlauben, die definitive Gestalt der Composition bereitsgefunden zu haben, die einzelnen Figuren nach der Naturdurchzuarbeiten begonnen. Das Resultat, das sich ausder Vergleichung der heute noch vorhandenen Vorarbeitenfür Disput« und Parnaß (sowie für einige Theile derDeckengemälde) ergiebt, ist überraschend. Denn weitereZeichnungen von Raphael's eigner Hand lassen erkennen,daß der Parnaß, so, wie er fertig dasteht, aus derOxforder Composition allmählich nun erst sich entwickelte.Eine Anzahl ganz zuletzt erst zugefügter Gestalten er-scheinen, wie auf der Disputa , als die lebensvollsten vonallen. Auch der Schule von Athen war nach Herstellungdes Mailänder Cartons noch eine Gestalt zugesetzt worden.Niemand, der vor der Schule von Athen steht, würdeglauben, der an der Treppe unten uns entgegengelagerte,in Nachdenken versunkene Mann sei nicht von Anfang andagewesen. Und so lassen aus dem Parnasse , vorn, rechtsund links vom Fenster, Sappho und der lorbeergekröntesitzende Dichter die übrige Composition an Werth zurück-treten. Diese beiden herrlichen Figuren haben etwas vondem machtvoll symbolischen Wesen der Propheten undSibyllen, die Michelangelo damals in der SistinischenKapelle malte.
Das auf antike Muster Hinweisende der ersten Skizzedes Parnaß ist zuletzt nicht mehr sichtbar. Neben Disputa und Schule von Athen erscheint das Gemälde sehrrealistisch, ja modern. Auch die vorhandenen Studien