Buch 
Das Leben Raphaels / von Herman Grimm
Seite
96
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Viertes Kapitel

die Stirn und jugendkräftig entblößten Armen, die sorecht an das Reinmenschliche der Gestalt erinnern, sitztsie da. Die unverhüllten Füße hat sie unter sich über-einander geschlagen: in dieser Stellung unbeschreiblichschön. Und auch die Amorettenengel, mit den Taseln,auf denen die Schrift steht, sind die schönsten von allen.

Für diese Gestalt haben wir eine frühere Redaction,die ein Stich Marcanton's zeigt. Und auch für dieanderen Compositionen der Decke fehlen Beweise frühererAuffassung nicht. Ich nenne nur die Darstellung desSündenfalles, die in der Farbe am meisten die ursprünglicheFrische bewahrt hat. Aus der ersten Skizze stehen dieFiguren beinahe unbewegt nebeneinander. Adam an denStamm eines Baumes gelehnt, greift, sich ein wenigvorbeugend, nach der Frucht. Auf dem Gemälde istAlles umgeändert. Adam sitzt uns zugewandt da. Esist als hätte ein Wort aus Eva's Munde, oder dasleichte Geräusch nur, mit dem sie den Ast herabbog, umdie Feige zu pflücken, ihn aus Gedanken erweckt: plötzlichwendet er sich ihr zu und sieht sie in voller verführerischerSchönheit dicht neben sich. Lächelnd steht sie da, dieverhängnißvolle Frucht zwischen den Fingerspitzen dererhobenen Hand. Wer hätte da widerstanden? Wieanders hat Michelangelo die Scene an der Decke derSistinischen Capelle dargestellt. Er faßt den Sündenfallim höchsten Sinne als Ereignih. Die Schuld stellt erdar. Die erste böse That, deren Frucht alle anderenbösen Thaten sind. Deren nächste Folgen Adam undEva zuerst zu tragen haben. Raphael scheint sich alldessen nicht zu erinnern. Kein Kampf, kein heimlichesSchuldgefühl, nicht die leiseste Erinnerung, daß gegenein Gebot gesündigt werde. Den Moment stellt er dar,