Sündenfall. Salomo's Urtheil
97
wo die beiden ersten Menschen einander so schön erscheinen,daß das Entzücken, mit dem der Eine die Gegenwartdes Andern empfindet, all ihre Gesühle und Gedankenüberwältigt.
Dieser Trieb Raphael's , die Macht der Schönheitdarzustellen, durchleuchtet all seine Werke. Das be-deutendste unter den übrigen Deckengemälden der Cameradella Segnatura ist Salomo's Urtheil. Außer dem Kinde,das durch den tödtlichen Schnitt getheilt werden soll,nur vier Figuren: der auf dem Throne sitzende König,-die Frau neben ihm, mit beiden Knieen auf dem Bodenund mit rechthaberischer Armbewegung zu ihm aufblickend,-die rechte Mutter, aus den Krieger losstürzend, der dasKind an einem Beinchen gefaßt hoch in die Luft hältund mit der anderen Hand zum Hiebe ausholt.
Dieser Mann ist von Raphael zur Hauptpersongemacht worden. Vom Kopfe bis zu den Füßen unbe-kleidet, wendet er uns den Rücken zu: eine gewaltige,vom feinsten Ebenmaße überstossene nackte Männergestalt,ein Idealbild höchster menschlicher Kraft. Hier zuerstsehen wir Raphael in unmittelbarer Berührung mitgriechischer Kunst.
Für die Zeiten Goethe's erhoben sich in Rom zweiDenkmale als die vornehmsten Repräsentanten der ewigenStadt: die beiden Rossebändiger aus dem QuirinalischenHügel. Für Goethe und Humboldt das kostbarste Kleinodihrer römischen Erinnerungen. Auch mir das Erhabenstewas in Rom aus antiken Zeiten sich erhebt. Zweifellosfür mein Gefühl griechischen Ursprunges. Erfüllt vondem Geiste, der Homer einst erfüllte. Einen von diesenbeiden hat Raphael in dem nackten Manne wiederholt,der aus Salomo's Befehl das Kind tödten soll. In ihm
Grimm, Raphael. t. Aufl. 7