Viertes Kapitel
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erkennen wir, wie Raphael neben der historischen Be-deutung seiner Compositionen das zugleich im Auge hatte,was ihm nur Gelegenheit bot, seine künstlerische Kraftan's Licht treten zu lassen. Denn welchen Werth hatfür die Scene an sich dieser Mann, dessen Amt war,gefühllos auszuführen was des Königs Wille war?
Ebenso deutlich tritt dieses Streben Raphael's nachEntfaltung des künstlerisch Schönen bei einer Compositionzu Tage, die, niemals im Gemälde ausgeführt, zu seinenschönsten und berühmtesten gehört und die mit dem UrtheilSalomo's in enger Verwandtschaft steht. Eine AnzahlStudien für sie sind vorhanden, die dies Verhältnißdeutlicher noch bestätigen, als Marcanton's in zwiefacherAusführung vorhandene beiden Stiche des Werkes. Bisin das Kleinste hinein ist diese Arbeit von Raphaelvollendet worden, die den Kindermord darstellt: nackteKrieger mit gezückten Waffen, vor denen Frauen flüchten,oder ihre Kinder mit den Armen und mit dem eigenenLeibe zu schützen suchen. Wieviel Bewunderung hat dieseZeichnung nicht schon erregt, wie hohe Summen sindfür diese Blätter nicht schon gefordert und gezahlt worden.Die einzelnen Scenen der Composition finden wir beinahesämmtlich schon auf einem der besten Basreliefs, das vonder Hand des Giovanni Pisano , Niccolo Pisano's großemSohne, erhalten blieb. Bei ihm geht es wilder zu;Raphael hat eine Schönheit über das Ganze ausgegossen,die das Furchtbare und Gewaltsame des Ereignisses sosehr mildert, daß wir es, von Bewunderung des reinKünstlerischen erfüllt, beinahe vergessen.
Auf ihn, der von Natur schon das Beruhigendedarzustellen bestrebt war, wirkte die antike Kunst lehr-meisterlich in ganz anderem Sinne als auf Lionardo und