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Neuntes Kapitel
Briefe und sonst Schriftliches von Raphael gekannt haben:die uns heute bekannten Briefe und Actenstücke kannteer nicht. Nicht einmal jenes schon gedruckt vorliegendeBreve Leo's X. Wir wenden uns zu Vasari da, woandere Nachrichten fehlen und wir nicht wissen können,ob ihm nicht sichere Kunde zugeflossen war. Gern thunwir es freilich nicht. Denn wer Michelangelos Leben,wie Vasari es 1560 drucken ließ, mit dem in der zweitenAuflage von 1568 vergleicht, erkennt die litterarischeUnfähigkeit des Mannes. Michelangelo nämlich berichtigteVasari's erste Fassung (1550) dadurch, daß er seinem beiihm wohnenden Schüler, dem jungen Bildhauer Condivi ,selbst sein Leben zur Herausgabe anvertraute. Verstehenwir die Vorrede dieses gleichfalls 1550 erschienenenBuches recht, so hätte Vasari sogar für seine eigene ArbeitNotizen von Michelangelo empfangen, die er nicht zu be-nutzen wußte. Aber selbst als er 1568 seine zweite Auf-lage machte, für die Condivi's Buch ihm doch zu Gebotestand, brachte er dessen Inhalt auf unverständige Weisein den eigenen Text hinein. Hätte Raphael länger gelebtund sein Leben selbst aufschreiben lassen können wie Michel angelo , so wären wir heute besser berathen. Denn ausCondivi erkennen wir die Epochen, in die MichelangelosLeben zerfällt, bei Vasari löst sich Alles in Notizen auf.
Die Art, wie Vasari Michelangelo in der Stilleanzugreifen suchte, zeigt Folgendes. Michelangelo wurdeals Kind in's toscanische Gebirge nach Settignano gegeben,wo eine Steinmetzfran seine Amme war und er seineKindheit zwischen den rohen Steinarbeitern verlebte, wieRaphael die seinige wahrscheinlich im Atelier seines Vaters.Michelangelo war rauh und ungeschminkt in seinem Auf-treten und konnte harte Dinge sagen.