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Das Leben Raphaels / von Herman Grimm
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------ Neuntes Kapitel

Rolle, die unter idealeren Verhältnissen Raphael amHose Leo's spielte. Immer aus dem Platze. Immerneue Erfindungen. Immer ausgiebiger als alle Andernzusammen. Unbefangen die Dinge nehmend und instinkt-mäßig sie da anfassend, wo sie sich am leichtesten greifenließen. Vasari weiß nichts von Raphael's häuslicheneinsamen Studien. Er läßt ihn als eine Natur erscheinen,die, in vollem Lebensgenüsse fortschreitend, mühelos pro-ducirt. Er gebraucht das Wort Halbgott' von ihm.

Sehr bald aber war Raphael nicht mehr der, vondem die Künstler lernten. Sie bestahlen ihn, wenn diesWort hier erlaubt ist, suchten aber nicht in seine Ge-danken einzudringen. Vasari selbst zeigt in seinen Arbeitenkeine Spur des Studiums nach Raphael, und Zuccaro,der in überschwenglichen Versen Raphael feierte, seineHandzeichnungen copirte, und in der Loggia der Farnesina,in der er zeichnete, über Nacht schlief, läßt in seinenWerken nichts von dieser Geistesverwandtschaft spüren.Lomazzo behauptet, die ersten Maler der Welt hättenRaphael's Manier innegehalten, hütet sich aber wohl zusagen, welche. Armenini führte in den ,WahrhaftigenVorschriften der Malerei' Raphael's Namen oft im Munde:sobald es sich um praktische Winke handelt, verweist erauf Michelangelo oder sogar auf Bandinelli. In dersistinischen Capelle mit den Gemälden Michelangelos , inder Capelle von Sän Lorenzo in Florenz mit den medi-cäischen Gräbern arbeiteten die jungen Künstler undbequemten sich den imponirenden Mustern dort an.Raphael's Compositionen lehrten nicht die Geheimnisseraffinirter Flächenbenutzung, denen man jetzt nachstrebte,zeigten weder die gekünstelten Umrisse, noch die zartenSchatten, die nun das Publicum entzückten, waren zu