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Das Leben Raphaels / von Herman Grimm
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Neuntes Kapitel

danken ist. Das Aufsprießenlassen originaler Genies isteine spontane Handlung der Vorsehung. Weder Corneille,noch Racine oder gar Molitzre waren Creaturen desKönigs: die beiden ersten würden ohne den Zwang, dendie Nähe und die Wohlthaten Ludwig's ihnen auflegten,vielleicht inhaltreichere, mannigfaltigere Werke hervor-gebracht haben- Moliore aber dichtete ganz aus sich undLudwig XIV. steht unter ihm. Die eigentlichen Erfolgeder Bemühungen des Königs und Colbert's lagen nichtauf dem Gebiete der hohen Kunst, sondern auf dem deshöheren Handwerks. Auch von dieser Stelle aus abersind die Pariser Bemühungen dem Ruhme Raphael's zuGute gekommen. Das reinste Product nationaler künstleri-scher Arbeit, das in Frankreich unter Ludwig XIV. sich bil-dete, ist die Kupferstichkunst gewesen. Meister mit über-raschenden Leistungen traten ein, um ein aus der Meinungdes europäischen Publicums beruhendes Element zu schaffen.

Ein Kupferstecher ersten Ranges wird nichts unter-nehmen, das ihm nicht innere Befriedigung verspricht.Er geht mit dem Werke, das er reproduciren will, gleich-sam eine Ehe ein und hat sich vorzusehen, mit wem. Jemehr seine Fähigkeit steigt, um so höher werden seineAnsprüche. Lebrun wird als Maler heute nur deshalbnoch so hoch geschätzt, weil der vornehmste unter denStechern seiner Zeit, Edelinck, so vorzügliche Platten nachGemälden von seiner Hand geliefert hat. Das Bestetrotzdem, was Edelinck hervorgebracht hat, sind seine Stichenach Raphael. Lebrun in seiner Machtstellung war ebennicht zu umgehen st.

st Lebrun steht in Deutschland in hoher Achtung, weil das,wie man behauptet, beste seiner Werke ,die Familie seines Freun-