280
Neuntes Kapitel ------
Winckelmann's letztes Wort über Raphael haben wir nicht.In einem seiner Briefe giebt er als Hauptinhalt einerSchrift an, deren Herausgabe er vorbereite: die an'sLicht zu bringenden Vorzüglichkeiten der Antiken undRaphael's, den noch Niemand bisher gekannt habe. Waswar es, das Winckelmann dazu brachte, Raphael so nebender Antike zu nennen? Eine genügende Erklärung dieserStelle würde auch deshalb von Wichtigkeit sein, weil sichzugleich zeigen würde, wie Winckelmann die innere Zu-sammengehörigkeit der Geschichte der antiken und dermodernen Kunst als etwas Natürliches ansah.
Als Archäologe war Winckelmann auf Raphael kaumhingewiesen. Aber wie er aus der Anschauung der Kunst-entwicklung der alten Völker zu den Griechen geleitetworden und wie ein Lobgesang auf die griechische Weltdas gewesen war, was ihm, wie er schrieb, ,Freiheit,Ruhm und Italien ' verschafft hatte, so mußte ihm auchausgehen, daß Raphael der frische Quell sei, ohne dendas Cinquecento ebenso dürre daläge wie das darauffolgende Jahrhundert. Er empfand, daß Raphael auseigener Natur heraus producirt habe wie die Griechenund erkannte die Verbindung des durch Fleiß ausge-bildeten Schönheitsgefühles mit kindlich zweckloser Freudean der Natur, die den Griechen eigen gewesen. Dasvielleicht war seinen Gedanken nach das, was noch Nie-mand in Raphael erkannt habe. Winckelmann proclamirteRaphael als den -großen Meister' und fand in der vonJugendkrast und Erwartung hoher geistiger Entwicklungenerfüllten jüngeren Generation begeisterte Ausnahme. Einseltsames Phänomen beobachten wir nun: Raphael, vondessen eigenen Werken man in Deutschland so gut wienichts vor Augen hatte — denn wer kam damals nach