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Franz Dingelstedt's Sämmtliche Werke : Erste Gesammt-Ausgabe in 12 Bänden
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Erst kroch, gestaltlos wie die Nacht und finster,

Der Schatten hockend fort durch Moos und Ginster,In Dunst gehüllt, Wohl selbst nicht mehr als Dunst;Dann wuchs er langsam, schritt gestreckt und schnellerDie Straß' entlang, ward Heller, immer Heller,

Und dehnte sich und schwoll mit Zauberkunst.

Der Riesenschemen bildet sich am EndeZu einem Weib, es fliegt um Brust und LendeDer Nebel wallend wie ein Nachtgewand;

Ihr Haar umflattert sie gleich einer Schleppe,

Und leisen Fluges schwebt sie durch die Steppe,

Weit ausgestreckt die Weiße Knochenhand.

Sieh, wo sie geht, wird dunkler noch und stummerDie Nacht; ein Hauch wie aus dem GrabesschlummerWeht mich aus ihres Mantels Falten an.

Das MooS versinkt, woraus ihr Fuß geschritten,

Und aus verkrüppelter Gestrüppe MittenBegleitet leises Wimmern ihre Bahn.

Nun steht sie still. Vor jener Häuser Thoren,

Wo Treu' gebrochen wurde, falsch geschworen,

Lug und Betrug geübt, da hält sie an;

Da streckt sie bis zum niedren Giebel beideSchwurfinger auf zu heil'gem Rache-Eide:

Erwacht, Meineid'ge! Fühlt die Sühne nah'n!

Der Schuld'ge kriecht in seine groben Kissen,

Mit Schlangenbissen nagt ihn das Gewissen,

Er schreit die Nachbarn in der Runde wach.