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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
Entstehung
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3
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Einleitung. 3

So greift denn die Plastik zum höchsten Gebilde der Schöpfung, zumMenschen, um an ihm die vollkommne Schönheit organischen Lebenszu erreichen. Sie erforscht die Gesetze seines Baues, misst die Verhält-nisse der Glieder, entdeckt den innern Zusammenhang derselben undstellt in treuer Nacheiferung seine Gestalt rund und frei als lebendigenOrganismus hin. Indem sie ihn so isolirt, muss sie darnach streben, ihnin höchster Vollendung, in vollkommner Schönheit aufzufass'en. Siesucht in ihm dasEbenbild Gottes, den Funken himmlischen Lebens,und da sie im Einzelnen, Zufälligen ihn vermisst, forscht sie nach ihmin der Gesammtheit und gewinnt aus denkender Vergleichung und Prüfungden Abglanz unsterblicher Schönheit, der Gottheit Ebenbild. Mannennt das Idealisiren; man darf es eben so gut künstlerisches Schaffennennen, denn ohne dies Streben nach dem Funken göttlichen Feuersgiebt es nur geistloses Handwerk, nicht seelenvolle, geistathmendeKunst.

Die eigentliche Aufgabe ist nun, den Menschen in seiner vollennatürlichen Schönheit aufzufassen. Dadurch wird im strengsten Sinnedie Nacktheit erfordert. Nur im unbekleideten Körper kann die voll-endete Harmonie des Ganzen, die Schönheit sich offenbaren. Damit sindder Plastik strenge Grenzen gezogen. Sie wird nur in solchen Epochenund bei solchen Völkern ihr höchstes Ziel erreichen können, wo dieSchönheit der ganzen menschlichen Gestalt allgemein empfunden, durchNaturanlage und günstige klimatische Bedingungen gefördert, durchgleichmässige Uebung entwickelt, wo endlich die gesammte Ausbildungdes Geistes und des Körpers in Uebereinstimmung gepflegt wird. Wodagegen die Geistesbildung alles Andere überwuchert und wohl gar dieEntfaltung körperlicher Kraft und Schönheit unterdrückt, oder wo aus-schliessliche Uebung einer bestimmten Seite der physischen Anlage, wiees durch fast jede handwerkliche Thätigkeit geschieht, den Körper un-harmonisch entwickelt, da findet die Plastik nur bedingte Aufgaben.

Wenn nun die volle Schönheit der menschlichen Gestalt zur harmoni-,sehen Erscheinung kommen soll, so wird aller übermächtige geistigeAusdruck des Kopfes herabzustimmen, zu dämpfen sein,, um nicht durchungebührliches Vorragen in rein geistige Sphären einen Bruch zwischendem Natürlichen und Geistigen zu verrathen. Wird doch der Kopfschon durch seine Stellung als das Oberhaupt und die Krone des Ganzenbezeichnet; um so weniger darf er geradezu in Gegensatz mit demUebrigen treten. In demselben Maasse wird dagegen der übrige Körpergleichsam vergeistigt, durch höchsten Ausdruck von Schönheit und Adelder Formen verklärt, so dass beide Tlieile einander freundlich entgegen-

Darstellung

des

Menschen.

Nacktheit.

Kopf undGlieder.