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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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Einleitung.

Neuer pla-stischer Styl»

vermählt, erreicht sie in neuer Weise das Ziel, in endlichen Formen dasWalten des Unendlichen zu offenbaren.

Der Styl, der aus solchen Vorgängen und Wandlungen hervorwächst,zeigt freilich bedeutsame Unterschiede gegen den strengen plastischenStyl der Antike. Er legt weit grösseren Nachdruck auf die Ausbildungdes Kopfes und geht in den Zügen des Angesichtes jeder Linie, die eincharakteristisch Besonderes ausspricht, mit Sorgfalt nach. Was in denantiken Idealbildern vom Lächeln ewiger Schönheit umflossen war, dasmuss hier durch den lebendigen Wiederschein der Seele, durch den Ab-glanz des individuellen Geistes verklärt werden. Der übrige Körper giltnur noch als Träger des Hauptes, der aber selbst durch die verhüllendeund entstellende Tracht den Ausdruck des Willens, die Bestimmtheit desCharakters, die Bedeutung der Persönlichkeit zu erkennen geben muss.Auch hierin liegt also der Nachdruck auf dem Geistigen, und dadurchallein wird der Bruch zwischen Geist und Natur vermieden, da es sichnirgends mehr um die Schönheit der körperlichen Form, sondern selbstim Gewände um die innere Physiognomie der besondern Zeit, das Charak-tergepräge des einzelnen Menschen handelt. Wo sich nun so viel ZufälligesundUngünstiges aufdrängt, da gelangt zu voller Bedeutung, was der Bild-hauer aus dem Studium der Antike an Gefühl für Schönheit und Harmoniegewonnen hat. Kaum merklich für den oberflächlichen Beobachter, wirdseine Kunst dem scharfen Gepräge des Besonderen so viel Fluss undRundung zu geben wissen, dass aus der Darstellung eines durch unddurch charaktervollen Sonderlebens ein Nachhall idealer Schönheit imedlen Rhythmus dem sinnigen Beschauer wohlthuend entgegen klingt.

Bei solcher Auffassung w r erden wir den späteren Entwickelungsgangder Bildnerei nicht schlechthin als Abfall und Entartung bezeichnen, son-dern mit Aufmerksamkeit die denkwürdige Geistesthat verfolgen, durchwelche die Plastik aus ungünstigen Bedingungen und einer scheinbar feind-lichen Weltanschauung ein neues Leben und selbständige Geltung für sichzu erringen wusste.