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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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Erstes Buch.

Stellung derDenkmale.

Phantastik.

des mittleren und vorderen .Asiens, die Aegypter selbst sind vom geschicht-lichen Strom ergriffen und in die wechselvollsten Schicksale fortgerissenworden. Die mächtigsten Reiche, die festesten Lebensordnungen sind demUntergang anlieimgefallen. Ostasien scheint diesem unablässigen Wechselgegenüber die starre Festigkeit unabänderlichen Beharrens vertreten zusollen.

In diesem Gegensätze gegen alle anderen Kulturvölker liegt für unsdie Berechtigung, ja die Nöthigung, jene Völker des feinsten Ostens andie Spitze unserer Kunstbetrachtung zu stellen. Obwohl neuere Forschungdie Denkmale jener Länder in eine viel jüngere Zeit gerückt hat, als siefrüher dem staunenden Auge des Reisenden erschienen, müssen sie doch,eben jener Unveränderlichkeit des ostasiatischen Geistes wegen, als Zeugeneiner viel älteren Gesittung und Kunstbildung gelten. Dafür spricht auchder Charakter ihrer'architektonischen Anlagen. In erster Linie handeltes sich hier von den Werken Indiens. Sie sind fast ohne Ausnahme — soweit uns ein Urtheil zusteht — gottesdienstliche Denkmale. Die religiösenAnschauungen beherrschen im Leben der Hindu Alles, das Grösste wiedas Kleinste. Sie weisen schon vor der Geburt den Menschen einer be-stimmten Kaste zu, zeichnen ihm unabänderlich seinen Lebensgang vor,machen ihn zum willenlosen Werkzeuge in einer unerbittlichen Weltord-nung. Bezeichnend genug, dass die einzige geistige und geschichtlicheBewegung, die wir in Indien kennen, eine religiöse gewesen ist. Sie.knüpft sich an das Auftreten Buddha’s, dem die Noth des in dumpfemElend seufzenden Volkes so zu Herzen ging, dass er eine tröstlichereLehre, eine reinere Gottesverehrung an die Stelle des phantastischenbrahmanischen Aberglaubens setzte. Aber auch der Buddhismus, so edelund rein er ursprünglich gedacht war, entging nicht den verderblichenEinflüssen des alten unausrottbaren Wahnes, und wie in Indien die unver-wüstliche Triebkraft der Natur alle gewaltigsten Schöpfungen der Men-schenhand immer wieder mit ihren Schlinggewächsen überwuchert, so er-stickt die Phantastik des indischen Geistes immerfort alle reineren, klare-ren Anschauungen.

Die Werke der Bildnerei haben unter solcher Sinnesrichtung ammeisten zu leiden. Keine Religion hat je solchen Schwulst verworrener,mystischer Vorstellungen zu Tage gefördert, wie die der Bralnnanen.Der Charakter des Volkes neigt mehr als der irgend eines anderen Stam-mes zum weichen Insichversinken, zu grübelndem Brüten. Das Tiefsinnigeschlägt sofort in’s Verschrobene um. Aus den Träumen dieser abenteuer-lichen Phantastik ist ein Götterhimmel hervorgegangen, 'dessen Gestaltenjeder plastischen Darstellung zu spotten scheinen. Die göttlichen AVesen