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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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Erstes Buch.

Gegenständeder Darstel-lung.

Mangelhafte

Berichte.

Tempcl-

schmuck.

diseher Kunst*) die Copie von einer Zeiclmung eines Brahminen, aus derKaiser! Bibliotliek zu Paris, die besser als viele Worte den unplastischenGeist dieser religiösen Vorstellungen bezeichnet. Es ist die Darstellungder Geburt Brahmas. Vischnu liegt weichlich wie ein Weib auf einemLotosblatt. Ringsum sieht man kleine Fische, und zwischen ihnen einenschwimmenden Menschen. Dies ist der Blisser Markandeya, der imMilchmeere umherschwimmt, um die Welt vom Untergange zu retten.Vischnu ist nackt und mit läppischer Zierrat geschmückt; er stecktnach Kinderart das linke Bein mit dem grossen Zehen in den Mund. Anseiner Nabelschnur ist der vielköpfige, vielarmige und vielbeinige Brahmabefestigt. Dies Beispiel der theologischen Vorstellungen bralnnanischerDogmatik möge genügen.

Fast ausschliesslich sind es Gegenstände der Götterlehre, welche dieindische Bildnerei beschäftigen. Eine schlichte Darstellung des wirklichenLebens scheint fast gänzlich zu fehlen. -Wie sollte auch die Kunst sichfür die Erscheinungen des umgebenden Daseins begeistern, da nach derLehre der Brahmanen die Welt nur als ein Traum Brahmas oder ein Er-zeugniss der Maya (der Täuschung) anzusehen ist, da ferner durch dieAnnahme einer endlosen Seelenwandorung der Werth jeden Geschöpfes zueinem illusorischen wurde! Ebensowenig ist auf diesem Boden mystiscli-speculativen Taumels das frische Leben einer historischen Kunst zu er-warten. Nur ausnahmsweise erzählt man uns von solchen Werken, dieaus einer klaren, reineren Atmosphäre geschöpft sind. Doch dürfen wirliier nicht unterlassen, ausdrücklich auf die Mangelhaftigkeit und Unzu-verlässigkeit unserer Quellen hinzuweisen. So viel von der Pracht und derfabelhaften Grossartigkeit indischer Werke erzählt worden, so gering istin kunstkritischer Hinsicht der Werth der meisten Mittheilungen. Es fehltuns selbst an genügenden Abbildungen, die jenen Mangel zu ersetzen ver-möchten. Schon aus diesem Grunde ist daher weder eine genaue styli-stische Würdigung, noch eine kunstgeschichtliche Darstellung der indi-schen Plastik bis jetzt möglich. Wir haben uns lediglich auf gewisse all-gemeine Bemerkungen zu beschränken.

Die grosse Masse indischer Bildwerke finden wir als Reliefs an denFacaden der Grottentempel und am Aeusseren der Pagoden. Diese Werkeeiner überschwänglich üppigen Architektur sind oft.mit Skulpturen völligübersponnen. Ebenso häufig werden letztere im Inneren, an Nischen,Kapitalen und Gesimsen angebracht. Die brahmanischen Tempel iiber-

*) L. Langles, Monuments anciens et modernes de lItindoustan. Paris 1821.Fol. 2 Bde.