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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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15
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Erstes Kapitel. Indien und seine Nebenländer.' 15

Nur ausnahmsweise scheinen im indischen Denkmälerkreise Dar-stellungen eines kraftvoll oder leidenschaftlich bewegten Lebens sich zufinden. So sieht man in einer der gefeierten Grotten von Ellora einmalden Siva seehsarniig, den Bogen spannend .auf. seinem Wagen zur Ver-folgung eines feindlichen Dämons dahinstürmen; ein andres Mal in dersel-ben Grotte den achtarmigen Bhadra in ähnlich kraftvoller Bewegung sichzum Kampf anschicken. Menschenschädel "bilden den schmückenden Saumseines Gürtels; mit einer der vier rechten Fäuste hält er eine menschlicheGestalt an den Beinen gepackt, eine andre steckt, durchbohrt, an demSchwerte, das eine seiner linken Hände schwingt.*) Noch leidenschaft-licher ist eine Anzahl von Beliefscenen in etwas derbem Styl, an einerFelswand des denkmalreichen Mahamalaipur(Mahavellipore) an der Coromandelküste: hier vorAllem bemerkenswerth ein Kampf, als dessenHeldin Durga, die Gemalin Sivas, erscheint. Als.kühne Lövenreiterin, achtarmig, wohlbewaffnet,verfolgt sie einen kolossalen stierhäuptigen Dämon,der ihrem Geschoss zu entfliehen sucht. Ringsumein Gewimmel von liegenden, laufenden, hockendenFiguren, darunter Bogenschützen und Kämpfendealler Art: ein wildes Durcheinander, lebhaft undbunt genug, aber ohne Klarheit und künstlerischeOrdnung.

Doch, wie gesagt, nur selten unterbrechensolche Scenen der Gewalt das dämmernde Traum-leben indischer Bildwerke. Die Götter werdenmeistens in thatenloser Ruhe, im träumenden Ge-messen dargestellt. Alle Gestalten haben etwasWeiches, Weibisches, Verschwommenes. DasSchönheitsideal, wie es in den weiblichen Figurenrig. 2. indische Gattin der llng entgegentritt, ermangelt jeder schärferen Be-stimmtheit, jeder markigen Bezeichnung der For-men. Ein treffendes Beispiel giebt die Gestalt der, Göttin der Schönheitvon der Pagode zu Bangalore (Fig. 2): üppige Glieder," mit gezierterBewegung in den Hüften sich' wiegend, dazu ein wunderlicher Putz, anjedem Fingerglied ein Ring. Aehnlich eine Göttin vom Indratempel zuEllora, die breit und fett auf einem Elephanten im Schatten eines

*) Diese und andere Darstellungen, offenbar stark verschönert, im zweitenBande der Tränsactions of the Royal Asiatic Society.

Wm Üfc

Bewegte

Scenen.

Götterleben