Buch 
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
Entstehung
Seite
24
JPEG-Download
 

24

Erstes Buch.

KopfbiMung.

TliH'rügTtrcn.

Sphinxkolossv, Memphis.

in höherem organischen Sinne auffasste, so führte dies zu einem faktischenFehler, von welchem die ägyptische-Kunst in ihrem ganzen historischenVerlaufe sich nicht zu befreien vermocht hat. Ein schlagender Beweisdafür, dass diesem äusseren Mangel eine- innere geistige Schranke zuGrunde liegt.

Die Köpfe zeigen den ägyptischen Typus in bestimmter und klarerAusprägung (Fig. 7*): niedrige Stirn und flachgedrückten Schädel, schma-les langgeschlitztes Auge mit niedrig geschwungner Augenbraue, lang-gezogne, ' schnabelartig gebogne Nase, sinnlich volle, üppige Lippenund kurzes, aber festes Kinn. Allein auch hierbei begnügt sich die Dar-stellung mit Wiedergabe der äussern Form; nirgends ist eine Spur in-dividuellen Ausdrucks, geistigen Lebens. Starr und gleichförmig ver-halten sich die Gesichter, als ob sie mit dem zu ihnen gehörigen Körpernichts zu schaffen hätten, weder in Freude noch in Leid zu ihm gehörten.

" Am glücklichsten sind in diesen Werken die Thiere behandelt. Daes hier nicht auf Darlegung eines geistigen Lebens ankommt, sonderndie frische Beobachtung des äusseren Gebahrens für - eine lebendigeDarstellung ausreicht, so ist der ägyptische Kunstgeist diesem Theile derAufgabe am ersten gewachsen. So erfreuen denn gerade die Schilde-rungen des Thierlebens durch kräftige und naive Darstellung der Wirk-lichkeit; die Heerden der Rinder, Ziegen, Esel und Schaafc, die schlan-ken Windhunde, die den Menschen begleiten, das Wild, auf welches erJagd macht, das Alles ist mit überraschendem Verständniss und feinerBeobachtung geschildert.

Ein andres Werk des frühsten ägyptischen Altertlmms, inschriftlichvon Schafra, dem Chephren Herodots, zugleich mit der zweiten Pyramideerbaut, ist der'berühmte Sphinxkoloss im Gräberfelde von Memphis.Die Kunst hat hier einen natürlichen Felsen zum Riesenleibe einerSphinxgestalt- von 172 Fuss Länge umgebildet. Es ist ein mit aus-,gestreckten Tatzen ruhender Löwe, dessen Leib ein colossaler Mannes-kopf bekrönt. Diese fremdartig phantastische Verbindung, sowie dieRiesenhaftigkeit des Werkes sprechen dafür, dass hier für einen höherengeistigen Inhalt ein bedeutsamer Ausdruck gewonnen werden sollte. Mitdem Staunen über das Gigantische der. Anlage, mit der Bewunderung vorder Energie und: der Kühnheit der Ausführung mischt sich die charakteri-stische Wahrnehmung von den geistigen Schranken, welche auch diesesWerk bekundet. Denn auch hier wird, wie bei den Indern, in echt

*) Zur Veranschaulichung des ägyptischen Kopfes geben wir ein Rcliefbild ausder Glanzepoche des neuen Reiches.