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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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79
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Erstes Kapitel. Die griechische Plastik. Ursprung und Wesen. 79

selbst seine zierlichen Akroterien. So an bestimmten Raum gewiesen,in festem Rahmen gehalten, entfaltet die Plastik bei den Griechen, wassie bei den Orientalen nirgends vermochte: die Gabe der künstlerischabgewogenen, rhythmisch bewegten, symmetrisch durchgebildeten Com-position. Während im Orient die Plastik zu unterschiedlos mit derArchitektur in Eins zusammenfloss, um etwas Anderes als eine con-ventionelle Nachbildung von Teppichwebereien zu erreichen, gewinntbei den Griechen, die Bildnerei in der Architektur an bestimmter Stelleeinen zweiten idealen Boden und kommt nun, durch feinste Beobachtungder Gesetze des Gleichgewichts, des symmetrischen Aufbaues zu einerfreien Aufnahme jener inneren architektonischen Gliederung, die ihr erstdie Entfaltung des höchsten Stylgefühls gestattet. Weit entfernt also,durch Hingabe an die Architektur von ihrem eigensten Wesen Etwas ein-zubüssen, gewinnt sie für dasselbe sogar eine höhere allseitige Vollendung.

Es bleibt uns nun nur übrig, auch von dem Material zu reden, Material,dessen sich die. Griechen zu ihren plastischen Werken bedient haben.

Wie schon bemerljt wurde, sind die ältesten Götterbilder rohe Holz-puppen gewesen. An diese Technik der Holzschnitzerei knüpft sichoffenbar in der Zeit höchster Blüthe die Herstellung der berühmten Gold-elfenbeinwerke („chryselephantinen“ Statuen), die um einen hölzernenKern so ausgeführt wurden, dass die nackten Theile in Elfenbein, diebekleideten in Gold sich darstellten. Die Augen wurden dabei, wie inmanchen anderen Fällen, aus Edelsteinen geformt. Auch diese prunkvollreiche Technik stammt ursprünglich aus dein Orient. Bisweilen hörenwir, dass an derartigen Statuen die nackten Theile aus Marmor gebildetwaren, eine Gattung, die man „Akrolitlien“ nannte. Daneben aber drangschon früh, abermals durch den Einfluss des Orients, die Erzbearbeitungein, die denn auch, zuerst in getriebener Arbeit (sphyrelaton), nachherin glänzend ausgebildetem Erzguss, für bildnerische Zwecke häufig inAnwendung kam. Als die Kunst sich dem Gipfel der Vollendung nahte,trat der edle weisse Marmor, an welchem Griechenland reich ist, fürdie plastischen Arbeiten in die erste Reihe; besonders der parischeMarmor eignete sich wegen seines matten in’s Goldige spielenden Lichtesund der fast durchsichtigen Porosität seines Kornes zu den Darstellungenlebenswarmer Menschengestalten.

Ueberaus schwierig ist die Frage nach derPolychromie*), oder viel- roiyohromie.

*) Vergl. Kugler’s Abhandlung über die Polychromie der griech. Archit. undSculptur; neuer Abdruck, mit Zusätzen, in seinen Kleinen Schriften und Studienzur Kunstgeschichte. Stuttgart 1853. I. Bd.