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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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Zweites Buch.

Wyrons

Diskoboi.

der Meister gerade nicht in der Darstellung idealer Weiblichkeit seineStärke suchte. Dies Werk, welches in den Kreis der griechischen Kunstzum ersten Mal die Sphäre des niedern Genre’s einführt, giebt uns abereinen wichtigen Aufschluss über die Kunstrichtung des Meisters. Dennwas in solchem Gegenstände den Plastiker reizen konnte, war doch mü-der drastische Ausdruck höchster Lebendigkeit, der hier durch den Con-trast mit dem Schicklichen noch eine Verschärfung erfuhr. — Eine gleichfrappante Lebenswahrheit muss die weltberühmte Kuh gehabt haben, aufwelche das Alterthum Dutzende von Epigrammen hervorgebracht hat,obwohl kein einziges- von ihnen einen Wink über Stellung und Bewegungdes gepriesenen Tliieres enthält. Nur darin sind alle einig, ihre Wahrheitund Natürlichkeit zu. preisen, ja sie wissen die mögliche Verwechselungmit der Wirklichkeit nicht genug hervorzuheben. „Ein Löwe will die Kuhzerreissen, ein Stier sie bespringen, ein Kalb an ihr saugen, die übrigeHeerde scliliesst sich an sie an, der Hirt wirft einen Stein nach ihr, umsie von der Stelle zu bewegen, er schlägt nach ihr, er peitscht sie, ertutet sie an; der Ackersmänn bringt Kummet und Pflug, sie eiuzuspannen,ein Dieb will*sie stehlen, eine Bremse setzt sich auf ihr Fell, ja Myronselbst verwechselt sie mit den übrigen Thieren seiner Heerde.“ (Götlie.)Das Wunderwerk stand noch zu Cicero’s Zeiten auf der Pnyx zu Athen,wurde aber später in den Friedenstemp.el nach Rom versetzt. — Kaumminder berühmt war die Statue des Lakedämoniers Ladas, der im Wett-lauf zu Olympia gesiegt hatte. Der Künstler hatte ihr einen solchen Aus-druck von Lebendigkeit gegeben, dass es schien als werde der Läufervon der Basis herabspringen, und als schwebe bei der höchsten Anstren-gung, den Sieg zu erringen, der Rest des Odems nur eben noch auf demRande der Lippen.

. Dürfen wir nach alledem als das vorzüglichste Kennzeichen Myro-nischer Kunst die lebensvollste Naturwahrheit betrachten, so gewährt unsein anderes Hauptwerk seiner Hand, der Diskoswerfer, für diese Charakte-ristik einen festen Anhalt, da dasselbe uns in mehreren Marmornachbil-dungen, vorzüglich jenem schönsten Exemplar im Palazzo Massimi zuRom erhalten ist. (Fig. 45.) Lucian giebt in wenigen Worten von diesemWerk eine treffende Beschreibung: „Von dem Diskoswerfer sprichst du,der sich zum Wurfe niederheugt, mit dem Gesicht weg gewendet nach derHand, welche die Scheibe hält, und mit dem einen Fusse etwas nieder-kauert, als wolle er zugleich mit dem Wurfe sich wieder erheben.“ In derThat, man kann nichts Lebensvolleres sehen, als dies edle Bild jugend-licher Kraft und Schönheit, als diesen in Marmor fest gebannten Moment■der rapidesten schwungvollsten Bewegung, welcher das ganze Muskelspiel