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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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Zweites Buch.

kolossale Athene Areia zu Plataeae, die ein Akrolith war, d. li. ein gold-bekleidetes Ilolzbild, dessen nackte Theile aus penteliscliem Marmor be-standen; vor'Allem aber die berühmte gegen 70 Fuss hohe eherne StatueAthene der Athene Promachos, welche die Athener zum Andenken der Perser-siege auf der Akropolis zu Athen aufstellten. Wir wissen von ihr, dassder Helmbusch und die Spitze der Lanze meilenweit gesehen wurde unddem von Sunion lieranfalirenden Schitfer den Gruss der heimischen Stadt-göttin entgegenblitzte. Dagegen sind wir nicht einmal genau über dieStellung und Haltung der Göttin unterrichtet, ja durch verschiedene Dar-stellungen auf attischen Münzen wird diese Frage nur noch verwirrter.Denn einmal hat die Göttin in ausgestreckter Linken die Lanze, währendder Schild, von der Rechten gehalten, zu ihren Füssen ruht; das andereMal hält sie den Schild hoch erhoben wie zur Vertheidigung am linkenArme und greift mit der Rechten bis zur Spitze der fest aufgestemmtenLanze hinauf. Man wird zugestehen müssen, dass diese rüstigere Stellungmehr als jene ruhige Haltung einer Promachos, einer vorkämpfendenGöttin, entspricht.*) — Eine andere Erzstatue der Athene, welche dieLemnier auf die Akropolis gestiftet hatten, zeigte die friedliche Göttin undward ihrer Schönheit wegen dem Bilde der Promachos noch vorgezogen,.mazonc. Endlich mag dieser ersten Epoche des Meisters auch die Amazone

angehört haben, die er im Wettstreit mit Polyklet, Kresilas und anderenKünstlern für den Tempel der Artemis zu Ephesos gearbeitet hatte. Siestützte sich auf einen Speer und ward besonders wegen der Fügung desMundes und wegen der Bildung des Nackens geschätzt, wurde aber vonden Werken jener beiden wetteifernden Meister übertroffen. Wir dürfendaraus schliessen, dass bei grosser Vortrefflichkeit auch in solchen Ge-bilden der hohe Geist des Phidias doch seinen eigentlichen Schwerpunktin Aufgaben rein idealer Gattung fand.

*) Wenn aus der Thatsaclie, dass der Bildhauer Mys, etwa ein Menschenalternach Phidias, auf dem Schilde nachträglich eine Kentaurenschlacht und Anderesciselirte, geschlossen werden soll, dass .der Schild dann nur niedergesetzt zu denkensei, weil sonst solche zierliche Kunstwerke nicht gesehen und genossen werdenkonnten, so entspringt das einer mehr modernen als antiken Auffassung. Denn denGriechen (und so war es vielfach auch in der Kunst des Mittelalters) kam es beisolchen Werken vor Allem darauf an, die Gottheit durch den höchsten Schmuckund die reichste Arbeit zu ehren; der Genuss des Kunstwerkes stand durchaus inzweiter Linie. Beweis dafür, dass man an grossen Denkmalen, z. B. an den Tem-peln selbst die Theile der Ausstattung, welche ihrer Oertlichkeit halber nie gesehenwurden, wie die Rückseiten der Giebelstatuen, ebenso sorgfältig durchführtc, wiedie der allgemeinen Schau sich darbietende Vorderseite.