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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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123
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Zweites Kapitel. Die griechische Plastik. Geschichtliche Entwicklung. 123

irgendwie Eintrag zu thun *). Diese Nachricht ist für die Bedeutung desMeisters bestimmend, denn sie beweist, dass er in scharfer Ausprägungder Göttergestalten eine grosse Feinheit besass. Ohne Zweifel bewährtesich dieselbe Eigenschaft auch in seinen übrigen Götterbildern. Da er indiesen nun der Mehrzahl nach Charaktere schuf, welche die Kunst bisdahin nur in überlieferter Weise zu bilden pflegte, so wird man von Alka-menes behaupten dürfen, dass er in seines grossen Meisters Bahnen fort-wandelnd, für eine Reihe von Göttergestalten neue Typen hinstellte, dieden von Phidias in’s Leben gerufenen innerlich verwandt waren. Jeden-falls haben wir in Alkamenes den Meister anzuerkennen, der dem grösstenPlastiker der Hellenen näher kam, als jemals irgend ein anderer. Dassaber Alkamenes auch in dramatisch bewegten Compositionen sich aus-zeiclinete, geht aus dem Inhalte des von ihm gearbeiteten Giebelfeldes amTempel zu 01j*npia hervor. Denn hier hatte dt den Kampf des Theseusmit den Kentauren auf der Hochzeit des Peirithoos darzustellen: ein Thema,welches die griechische Kunst der Blüthezeit mehrfach zu Schöpfungenvon höchster dramatischer Gewalt veranlasst hat.

Als besonderer Lieblingsschüler des Phidias wird der Parier Ago- Agorakritos.rakritos genannt. Der Meister soll ihm mehrfach seine eigenen Werkezum Geschenke gemacht haben, so dass er ihm erlaubt habe, seinen Na-men darauf zu setzen. Diese Anekdote wird wohl keinen andren Sinnhaben, als dass Phidias an die in seiner Werkstatt entstandenen Arbeitendes Lieblingsschülers die letzte Hand anziüegen nicht verschmähte undauch im Entwerfen derselben wohl mit Rath und That ihm beistand. Da-her wurden die Statuen von Agorakritos, wie z. B. die grosse Göttermutterin Athen, nicht selten dem Phidias selbst zugeschrieben. Das fand na-mentlich auch bei der zehn Ellen hohen Marmorstatue der Nemesis inRhamnus Statt, die ein ganz vorzügliches Werk gewesen sein muss. AusAlledem scheint sich zu ergeben, dass die Thätigkeit des Agorakritos nichtgerade dnrch höhere Selbständigkeit ausgezeichnet war.**) — Dagegenerscheint ein anderer Schüler des Phidias, Kolotes, als ein bedeutender Koiotes.Künstler, der nicht allein an der Ausführung des olympischen. Zeus dem

*) Brunn, G. d. gr. K. I. S. 236.

*■*) Aus der Zuneigung des Phidias zu sehliessen, dass Agorakritos ein „hoch-begabter Künstler“ gewesen sein müsse, erscheint mir gewagt. Persönliche Liebens-würdigkeit, verbunden mit einer zutraulichen Anhänglichkeit mögen genügt haben,jenes Verhältniss zu begründen. Es pflegen nicht die bedeutendsten, selbständig-sten Schüler zu sein, welchen die Meister die grösste persönliche Zuneigungschenken. Man vergleiche Rafael und seinen Lieblingsschüler Francesco Penni,Neuerer zu gescliweigen!