Eupliranor.
Niobe-
gruppe.
Gegenwärti-ger Bestand.
108 Zweites Buch.
nung mancher Verirrungen haben mag, denen damals bereits die Plastikanheimfiel.
Endlich ist eine der interessantesten Erscheinungen unter den da-maligen Künstlern der vom Isthmos stammende Euphranor. Vielseitigbegabt, als Maler und Bildhauer thätig, arbeitete er, wie Plinius berichtet,in Metall und Marmor, bildete Kolosse und ciselirte Becher, schrieb Bücherüber Symmetrie und Farben, gelehrig und thätig vor allen, in jeder Artausgezeichnet, und von immer sich gleichbleibendem Verdienste. Unterseinen plastischen Werken finden wir alle Kreise vom Götterbilde biszur Thierdarstellung vertreten, und mehrere von diesen Werken deutenauf Schilderung eines bewegten und erhöhten Gemüthszustandes hin.Dazii scheint dieser thätige und gewandte Künstler einer kräftigen Form-bezeichnung gehuldigt zu haben, denn er selbst soll von einem Theseus,den er gemalt, gesagt haben, sein Theseus sei mit Rindfleisch, der desParrhasios mit Rosen gefüttert. Endlich wird hervorgehoben, dass erschlankere Verhältnisse in die Plastik einzuführen begann, indem er denRumpf feiner bildete, während jedoch Kopf und Glieder noch die altenschwereren Verhältnisse behielten.
Wir haben uns nun zur grossartigsten und umfangreichsten statuari-schen Composition zu wenden, welche die attische Kunst jener Zeithervorgeßracht hat, der berühmten Gruppe der Niobe mit ihrenKindern. Ursprünglich vermuthlich im Giebelfeld eines kleinasiatischenApollotempels aufgestellt, ward sie später nach Rom in den Tempel desApollo Sosianus gebracht. Schon das Alterthum war zweifelhaft, obdies Werk dem Skopas oder. Praxiteles' zuzuschreiben sei; um wie vielweniger vermögen wir darüber zu urtheilen, denen das Werk nur inspätem, zum Th eil mittelmässigen Copien erhalten ist. Obwohl wir desleidenschaftlichen Inhaltes wegen eher an Skopas denken möchten, dürfenwir doch nicht geradezu eine Vermuthung daraus machen. Das Themader Composition, von welcher manche Nach- und Umbildungen in Sar-kophagreliefs vorliegen, ist bekanntlich die Bestrafung der thebanischenKönigin Niobe, die sich ihrer vierzehn Kinder gegen die nur mit zweiKindern gesegnete Leto gerühmt hatte. Apollo und Artemis übernahmenes, die beleidigte Mutter zu rächen, indem sie mit ihren Todespfeilen dieganze Niobidenschaar vernichteten. Wir finden hier also denselben sitt-lichen Grundgedanken, der sich in den Dichtungen der Griechen so oft aus-spricht: Bestrafung des menschlichen Uebermuthes, der sich, auf seinGlück oder seine Macht pochend, gegen die Götter auflehnt.
Die Gruppe wurde im Jahre 1583 zu Rom bei Porta S. Giovannigefunden und kam später nach Florenz, wo sie jetzt in der Galerie der