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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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Zweites Buch.

Stylistik bei überaus lebendigem Ausdruck werden passend an die Ein-gänge der Cella vertheilt.

Während nun die Restauration Falkener’s in zwingender Weise fastalle wesentlichen Tlieile des Denkmals zu einem Ganzen verbindet, istneuerdings die Zusammengehörigkeit der einzelnen Tlieile geleugnet wor-den*). Der Grund davon scheint mir wesentlich darin zu liegen, dass dieNereidenstatuen mit zu günstigem, die Friese, namentlich die beiden klei-neren, mit zu ungünstigem Auge betrachtet werden. Was zunächst dieNereiden betrifft, so ist zuzugeben, dass diese dahineilenden Gestalten vonhöchster Lebendigkeit und Kühnheit sind. Die flatternden, bauschendenGewänder, durch die Bewegung sich eng anschmiegend und den Körperreizvoll verrathend, kommen den fliehenden Töchtern der Niobe am näch-sten. Ihre Vorgängerinnen und Geistesverwandte fanden wir aber bereitsin gewissen Gestalten der phigalischen Friese und selbst am Niketempelzu Athen. Mehrere dieser Statuen sind von grosser Schönheit, anmuthigund lieblich selbst in der leidenschaftlichsten Bewegung. Andere dagegenhaben unschöne, ja unrichtige Körperverhältniss'e und ein gewisses Unge-schick in der Bewegung. Je mehr Welcker’s Urtheil daher begründet er-scheint, um so weniger vermag ich sie alle schlechtweg mit Overbeck„schön, lieblich und reizend wie Weniges der antiken Kunst“ zu nennenund sie gar „einem Bildhauer ersten Ranges“ zuzutrauen. — Am nächstenkommt den Statuen im Styl der grösste Relieffries, der den unteren Saumdes Unterbaues bildet. Er schildert eine Schlacht zwischen Reitern undFussvolk „mit dem Feuer und der Lebendigkeit der Darstellungen vonPhigalia, aber einer wirklichen Schlacht und mit Nachahmung der Wirk-lichkeit auch in den Rüstungen der Kämpfer,“ wie Welcker bemerkt. Ichfüge hinzu, dass sich in diesen Th eilen mannichfach Reminiscenzen anfrühere griechische Werke, namentlich an die vom Niketempel und vonPhigalia nachweisen lassen, und dass die Ausführung zum Theil etwastrocken, geistlos und conventionell erscheint. Sowohl die Statuen wiediese Friesplatten geben mir den Eindruck, als ob sie Werke eines Künst-lers seien, der Studien an attischen Sculpturen gemacht und dieselben hierverwendet habe. Der Grundzug der Darstellung ist auch im Friese einacht griechischer; wenn dagegen in der Bezeichnung des Aeusserlichen,Zufälligen sich eine fremdartige Richtung nicht verkennen lässt, so ist zubedenken, dass wir es hier mit dem Monument einer Stadt zu thun haben,die nicht griechisch war, obwohl sie schon früher griechischer Kultur denEingang gestattete.

*) Durch Overbeck, Gesch. d. griech. Plast. II, 105 ft'.