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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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Zweites Buch.

Werth derReliefs.

Meisterschaft stand, so darf man annelimen, dass seine Genossen, oben-dreinjünger als er, wie es wenigstens von Leocliares und Bryaxis feststellt,ihm als dem Entwerfer des ganzen Planes sich unterzuordnen hatten.Dies Alles vorausgesetzt, scheint mir in der Beschaffenheit der Keliefskein Ilinderniss vorzuliegen, sie jenen Meistern wirklich zuzuschreiben.Vergegenwärtigen wir uns nach dem, was wir von der Thätigkeit amErechtheion aus den aufgefundenen Baurechnungen, und von' der amParthenon aus dem Charakter der Sculpturen selbst erfahren, die Aus-führung solcher grossen Gesannntunternehmungen, so wird der Hergangder gewesen sein, dass Skopas den Entwurf des Ganzen skizzirte und dieArbeiten der Ostseite seiner eignen Ausführung vorbehielt, während seineGenossen sieh in die Herstellung der anderen Seiten theilten. DieseEinzelthätigkeit bestand zunächst darin, nach den Skizzen oder Andeu-tungen des leitenden Meisters die Modelle für die Werke im Grossen aus-zuarbeiten. Wie weit sich dann das eigenhändige Mitwirken bei derMarmorausführung ausdehnte, ob es sich auf eine Nachhülfe und einletztes Ueberarbeiten beschränkte oder auf eine durchgreifendere Selbst-thätigkeit erstreckte, das muss dahingestellt bleiben*).

Entsprechen denn aber die vorhandenen Reliefs der hohen Vorstel-lung, die wir uns von einem Meister wie Skopas zu bilden haben? Wasdie Anlage, den Entwurf, die Hauptmotive der besten Platten betrifft,scheint mir dies nicht zu bezweifeln, zumal wir für den immer noch ver-schiedenen Werth des Einzelnen die doch gewiss auch verschieden abge-stufte Begabung der einzelnen Künstler als Erklärungsgrund haben. Waswir von der Kunst des Skopas wissen, jenes leidenschaftliche Feuer derSeelenbewegung, dessen höchster Affekt sich in Gestalten wie seine rasendeBakchantin aussprach, finden wir in den besten Gruppen dieser Fries-composition wieder. Jene Amazone, die sich rückwärts auf ihr Ross ge-worfen hat, sammt so manchen anderen Momenten, aus denen die kühnsteKampflust lodert, sind gewiss werth von ihm erfunden zu sein. Wennaber die Ausführung unter dem glänzenden Begriff bleibt, den wir unsvon der Kunst des Skopas machen müssen, so dürfte dafür nicht blos dieHand der Arbeiter, sondern vielleicht mehr noch der Geist der Zeit ver-antwortlich zu machen sein. Vergessen wir nicht, dass wir es mit einerEpoche zu thun haben, die sich von den Tagen eines Phidias bereits er-

*) Letzteres ist, wie mir scheint, nach dem Umfange der ganzen plastischen Aus-schmückung kaum anzunehmefl. Am wenigsten darf man aus der bekanten Stelledes Plinius die Folgerung herleiten, dass Meister wie Skopas und seine Ge-fährten „eigenhändig“ (siehe Overbeck a. a. 0.) ihres Ruhmes wegen die Marmor-arbeit ausgeführt hätten!