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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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Zweites Buch.

Verhältnis»zur Kunst.

ihrer Seitenwände enthalten in kräftigem Relief theils Scenen des Abschieds,der Leichenbestattung und der jenseitigen Schicksale der Seele, theilsmancherlei Darstellungen des Lebens, Tänze, Mahlzeiten und Triumphzüge,theils endlich verbinden sie damit entsprechende Züge aus den griechi-schen Göttermythen. Die Anordnung ist vielfach überladen, das Reliefhat jenen gedrängten malerischen Styl, den die griechische Kunst ver-schmähte, und der, wie es scheint, als ein äclit italisches Erzeugniss zubetrachten ist. Die Auffassung der Gestalten, in den früheren Werkennoch von einem massvollen hellenisirenden Style, deutet in den jüngerenWerken auf den Einfluss der späten, in Italien verwilderten griechisch-römischen Plastik. Die Figuren der Verstorbenen, die auf den Deckelnlagern, sind in den Köpfen meistens von harter, nüchterner Portraitwahr-lieit, während die Gestalten in der Regel ohne alles Gefühl des körper-lichen Zusammenhanges behandelt sind, als ob alle Glieder sich aus denFugen gelöst hätten. Bei den kurzen Aschenkisten kommt dazu noch diewahrhaft groteske, höchst übertriebene Grösse der Köpfe, denen sich derübrige Körper wie eine schlaffe, weichliche Masse in verkrüppelter Formanschliesst. So spiegelt sich in diesen letzten Werken mit unerfreulicherSchärfe der politische und sittliche Auflösungsprozess des von der Römer-macht überflügelten etruskischen Volkes.

VIELTES KAPITEL.

Die Bildnerei bei den Römern.

Die Römer sind kein vorwiegend künstlerisches Volk gewesen undhätten schwerlich aus eigener Geistesanlage sich eine Kunst geschaffen.Ihr ganzes Streben ging mit grossartiger Kraft auf praktische Gestaltungdes äusseren Lebens aus; und so energisch wussten sie diese Seite desWirkens anzugreifen, dass sie zuerst als Eroberer und dann als Staats-männer den Erdkreis sich unterwarfen und schliesslich als scharfsinnigeGesetzgeber alle Beziehungen des Privatlebens und Besitzes in einen be-wundernswürdigen Organismus des Rechtes ordneten. Diese mit genialerWillenskraft durchgeführte verstandesmässige Thätigkeit gab auch derKunst bei den Römern zunächst die Richtung aufs Praktische, die in einer