Buch 
Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
Entstehung
Seite
240
JPEG-Download
 

V.

Barbaren-

statuen.

240 Zweites Buch.

priesterliclier Toga, aus. Eben dort siebt man eine geistvolle und lebens-warme Marmorbüste des jugendlichen Augustus. Eine ganze Reihenfolgevorzüglicher Colossalstatuen, die bei Cervetri ausgegraben wurden, sindim Museum des Lateran vereinigt. Sie stellen Germanicus, Agrippina,Drusus, Tiberius, Caligula, Claudius, Livia und den Augustus, vonwelchem jedoch nur die Büste gefunden wurde, dar. Zu den edelstenFrauenbildnissen gehört die ältere Agrippina im Museum des Kapitols(Fig. 100). Sitzend, in den Sessel zurückgelehnt mit aufgestütztem linkenArme, gewährt sie in vollendeter Leichtigkeit vornehmer Haltung ein ebenso annuithiges als würdevolles Bild der edlen Gemahlin des Germanicus.

Die Entwicklung der historischen Plastik wurde durch die römischeSitte der Errichtung von Siegesdenkmälern mächtig gefördert. Wie manin den Triumphzügen die vornehmen Gefangenen fremder überwundenerVölkerstämme einherzuführen liebte, so stellte man bald an den Triumph-bögen Gestalten der besiegten Nationen auf. Schon Pompejus hatte vier-zehn Bilder überwundener Nationen in der Säulenhalle bei seinem Theateraufstellen lassen, welche davon den Namen Porticus ad nationes erhielt.Bezeichnend genug war es ein römischer Bildhauer, Coponius, welcherdieselben arbeitete. Solche Statuen waren aber nicht allegorische Ab-stractionen, sondern lebensvolle Bildnisse, in welchen sich der Charakterder Barbarenstämme gleichsam typisch aussprach. Meistens verleiht einschwermüthiger Ausdruck, der sich wie ein schicksalsvoller Schatten überdie fremdartig charakteristischen Züge ausbreitet, solchen Werken einergreifendes, fast tragisches Gepräge. Wir erkennen in diesen Schöpfun-gen die Fortsetzung dessen, was die frühere pergamenische Kunst inihren Galliergestalten geschaffen hatte. Solcher Art ist jene schwermüthigschöne Marmorstatue der Loggia de Lanzi zu Florenz, welche man alsThusnelda zu bezeichnen pflegt. In höchst umfassender Weise warensolche Darstellungen an dem grossen Altar angebracht, welcher dem Au-gustus bei Lyon errichtet wurde, und der mit den Figuren von nichtweniger als sechzig gallischen Völkerschaften geschmückt war. Einmerkwürdiges Beispiel dieser Art von Monumenten bietet im Museum zuNeapel die in Puteoli (Pozzuoli) aufgefundene Basis einer Statue desTiberius, welche im Jahre 30 n. Chr. als verkleinerte Copie eines dem-selben Kaiser von vierzehn kleinasiatischen Städten in Rom errichtetenDenkmals geweiht wurde. In der lebendigen und geistvollen Personifi-cation erinnern sie an jene Figur der Stadt Antiocheia von Eutychides,welche wir oben besprochen haben (S. 193.) Die reichere Entfaltungdieses Zweiges der Plastik wird uns in der folgenden Epoche be-gegnen.