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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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275
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Erstes Kapitel. Die altchristliche Epoche. 275

und ziehen friedlich im Schutze des Himmels ihre Strasse. Im lebhaftenGegensätze zur festlich heiteren Stimmung dieser Gruppe steht das wildeGetümmel der Verfolger, die mit Ross und Wagen in den wildempörtenFluthen versinken. Pharao selbst jagt eben auf dem Zweigespann, gefolgtvon seiner berittenen Leibgarde, ins Verderben hinein. In acht antikerAuffassung ist Anfang und Ende des Zuges dicht zusammengedrängt,denn der Letzte des Gefolges sprengt eben aus dem Stadtthore hervor.Auch die drei Gestalten, welche am Boden lagern und das Lokal des Lan-des, des Niles und des rothen Meeres personificiren, sind völlig in antikemGeiste gedacht. Dies Werk, das etwa dem fünften Jahrhundert angehört,gewährt eine lebendige Anschauung von der sinnvollen Weise, in welcherdie Vorgänge des alten Testamentes auf christliche Anschauung und dieLehre von der Erlösung übertragen wurden. Weiter besitzen die Mu-seen des südlichen Frankreichs eine Anzahl von altchristlichen Sarko-phagen*). Mehrere in der Sammlung zu Marseille zeigen Christus mitden Aposteln in kleinen Säulenstellungen. Der Untergang Pharaos imrothen Meere findet sich auf einem interessanten Sarkophage des Museumszu Aix; doch sind damit Joseph vor Pharao und das Mannalesen aufden Schmalseiten verbunden. Ebendort sieht man einen anderen, mit ver-schiedenen Wundern Christi und Moses, der die Gesetztafeln empfängt.Eine grosse Anzahl besitzt ferner das Museum, wie die Kathedrale vonArles. Endlich kommen verschiedene Wundergeschichten Christi, durchSäulchen abgetheilt, an einem Sarkophag des Museums zu Lyon vor.

Vom Ende der altchristlichen Epoche datiren einige merkwürdigeReliefgestalten zu Cividale in Friaul. Dieselben befinden sich in einerkleinen Kirche des Benediktinerinnenklosters, welche im achten Jahrhun-dert von einer longobardischen Fürstin Peltrudis erbaut wurde. Bei derGenauigkeit, in welcher eine alte Nachricht mit dem Zustande des Denk-mals übereinstimmt, ist an dem Datum nicht zu zweifeln. ' Sechs über-lebensgrosse, in Stuck ausgeführte Reliefgestalten der heiligen FrauenAnastasia, Agape, Chionia und Irene, und der beiden männlichen HeiligenChrysogonus und Zoiles schmücken die Wände. Während die letzterenin einfacher priesterlicher Tracht mit der faltenreichen Casula angethansind, zeigen die weiblichen Gestalten (Fig. 115) das mit schwerem Schmuckvon Perlen und Stickereien überladene byzantinische Frauenkostüm. Instarrer Haltung, mit den ausdruckslosen Köpfen und den nur mühsamin parallele Faltenlinien abgetheilten Gewändern geben sie ein anschau-

*) Abbild, in Millins Voyage dans les departements du midi de la France (Paris1807 1811 .

Reliefs zuCividale.

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