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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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291
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Zweites Kapitel. Die byzantinisch-romanische Epoche. 291

Hildesheim ist einer der ersten unter den damaligen Prälaten Deutsch-lands, deren gelehrte und künstlerische Bildung thätigen Antheil an derEntwicklung der Plastik wie der Architektur gewinnt. Für den von ihmneuerbauten Dom liess er eine grosse eherne Thür giessen, welche 1015vollendet wurde und noch jetzt den Haupteingang der Kirche schmückt.Sie giebt auf sechzehn viereckigen, in zwei Reihen angeordneten Feldernauf der einen Seite die Momente der Schöpfungsgeschichte bis zu KainsBrudermord, auf der anderen vier Vorgänge aus der Jugendgeschichteund vier aus der Passion Christi. Bemerkenswerth ist zunächst, dass hiertrotz der Nebenordnung der Scenen nicht an eine typologische Beziehungder zusammen geordneten Paare angekntipft wird. In der Auffassung undDurchführung verfährt der Künstler unter Zugrundelegung antiker An-schauungen völlig naiv. In dieser Hinsicht war es günstig, dass man fürdie Erzplastik keine byzantinischen Vorbilder besass, denn in Byzanzwurde bei solchen Werken statt des Reliefs die Niellotechnik angewandt.Der Hildesheimer Meister stellt mit wenigen Figuren, aber in lebhaftenMotiven den Vorgang deutlich hin. Seine Gestalten bewegen sich in an-tikem Kostüm, sie sind ohne Verständniss der Form, die Leiber dünn undlang, die Köpfe übergross, die Nasen plump, die Augen glotzend, so dassein seltsam barbarisches Missverhältniss entsteht. Dabei haben die Ge-sichter durchaus einen alten, hässlichen, stumpfen Typus, dem jedoch mitder grämlichen Greisenhaftigkeit byzantinischer Gestalten Nichts gemeinist. Hat man dies abstossende Gepräge erst überwunden, so wird manbelohnt durch eine Reihe lebendig empfundener Züge, die von frischer Le-bensauffassung zeugen. Die verschiedenen Abstufungen von ganz ruhigerHaltung bis zu leidenschaftlicher Bewegung sind mit Glück dargestellt,obwohl die ungefügen Körper dem Gebote der Seele nur mühsam gehor-chen. Naive, geradezu der Wirklichkeit entlehnte Züge sind die Eva,welche ruhig dasitzend ihr Kind stillt, während Adam den Acker bear-beitet; ferner bei der Vertreibung aus dem Paradiese die Geberde, mitder sich Eva neugierig umwendet; sodann bei der Ermordung Abels dasgewaltsame Niederstürzen des Erschlagenen, während einerseits Kain wie-der zum Schlage ausholt und andererseits der Mörder noch einmal darge-stellt ist, wie er erschreckt vor der aus Wolken herabreichenden HandGottes zusammenfährt. Die Anordnung der Figuren im Raume ist ungleichund bei etwas dürftiger Composition ungenügend, so dass man deutlichden Mangel an Uebung und die Rathlosigkeit einer noch jungen Kunsterkennt. Die Figuren sind stark erhaben gearbeitet, wie sie auch aufgleizeitigen in Metall getriebenen Werken Vorkommen; besonders merk-würdig aber erscheint es, dass der Oberleib sammt dem Kopfe meistens

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Thür zuHildesheim