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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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Drittes Buch.

Weiterer

plastischer

Schmuck.

'Natur-

Studien.

gen die Lieblingsaufgaben der Künstler waren, während die grossen Sta-tuen der Portalwände oft untergeordneten Kräften überlassen blieben. Sosind namentlich in den beiden unteren Reliefstreifen, wo das Schicksalder Guten und der Bösen lebendig geschildert wird, indem einerseits Engeldie Seelen in Abrahams Schooss tragen, andrerseits satyrälmliche Teufeldie Vertreter aller Stände in das höllische Feuer schleppen, die Köpfchendurchweg von einer Feinheit, zarten Rundung und Schönheit, dass sieein fast klassisches Gepräge haben; dabei aber ist über alle eine Heiter-keit, ein kinderunschuldiges Lächeln ausgegossen, das in keiner andernEpoche der Kunst so holdselig die Werke der Plastik verklärt und siedem Gemüthe nahe bringt. Auch die sitzenden Gestalten musicirenderEngel an den Archivolten sind von der grössten Schönheit.

Aber damit ist der unermessliche Reichthum plastischer Ausstattungnoch nicht erschöpft. So sind an den Strebepfeilern der Chorkapellenkleine betende Engelfigürchen angebracht; so stehen ringsum wieheilige Wächter des Gotteshauses grössere Engel in den Baldachinen derStrebepfeiler, an der Südseite fast durchgängig schön, anmuthig bewegtund in edlen Verhältnissen; nur bei einigen, die wohl erst dem 14. Jahr-hundert angehören, sind"die Körper überschlank, die Bewegungen über-zierlich, die Köpfchen etwas verzwickt. An der Nordseite sind sieminder gelungen. Endlich ist noch im Innern der Kathedrale die ganzeFläche der westlichen Schlusswand, welche die Portale enthält, mitkleinen Statuen in reihenweise übereinander angebrachten Nischen ge-schmückt. Es sind bald einzelne, bald zu dramatischen Scenen, wiez. B. der Kindermord, verbundene Gestalten. Auch hier zeigen sich dieKörper frei entwickelt in eleganten Verhältnissen, die Behandlung ist einevollendet plastische, welche, sich ihrer Mittel völlig bewusst, nament-lich durch tief einschneidende Hauptfalten wirksam zu gliedern versteht.Einiges erscheint antikisirend, bei anderem ist schon ein übertriebenerHang zum Biegen und Wenden der Gestalten zu spüren. Immerhingehören sie zum Besten vom Ende des 13. Jahrhunderts. Am mittleren Por-talsturz kommen kleine Gruppen von je zwei Figuren vor, die zum Theildie Parabel von den Arbeitern im Weinberge frisch und lebendig vor-führen. Einige. Figürehen, namentlich an den Seitenportalen, sind auchhier übertrieben schlank mit winzigen, etwas geziert lächelnden Köpfen.Zum Theil mögen sie schon ins 14. Jahrhundert gehören.

Für den künstlerischen Standpunkt und die Naturstudien der Meisterdieser grossartigen Werke drängen sich dem Betrachtenden charakte-ristische Züge in Fülle entgegen. So sieht man draussen an den Archi-volten des Hauptportals einen heiligen Sebastian mit genau anatomisch