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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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365
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Drittes Kapitel. Nordische Bildnerei der frühgothischen Epoehe. 365

kennbar aus; es ist dieselbe Schule, aber in Freiberg zu höchster Anmuth,Leichtigkeit und Freiheit durchgebildet.

Derselben Richtung begegnen wir wieder in einem zweiten Werke wechset-der Kirche zu Wechselburg, dem plastischen Schmucke des Haupt- burg -altars.*) Es ist ein grosser steinerner Bau, mit zwei Bögen gegen die Apsisgeöffnet, in den Nischen mit vier Reliefiiguren, Daniel und David, einemPropheten und einem jugendlichen König geschmückt. Diese Arbeiten,in demselben grobkörnigen rothen Rochlitzer Sandstein ausgeführt, wiedie Sculpturen der Kanzelbrüstung, zeigen eine Vollendung und Feinheit,des Styls, die über die Ungunst der Materials triumphirt. Die Ge-stalten haben dasselbe anmuthige, jugendliche Gepräge, dieselbe Innig-keit des Ausdrucks, den weichen Fluss der Gewänder, das allseitig ent-wickelte Formverständniss der Statuen von Freiberg. Hier ist nichtsUnfreies mehr, aber auch noch nichts von dem Conventionellen dergleichzeitigen gothischen Sculptur. Die Mitte dieses Altarbaues trägtauf einem höheren Bogen die kolossalen, nicht wie gewöhnlich angegebenwird in Holz geschnitzten, sondern in Thon gebrannten Figuren des Ge-kreuzigten, nebst Maria und Johannes, diese beiden auf den nieder-geworfenen Figuren des Judenthums und Heidenthumes stehend. DerKörper Christi ist trefflich durchgebildet, Maria und Johannes voninnigem Ausdruck, das Ganze noch in alter, wenngleich wohl etwaserneuerter Bemalung. An den Armen des Kreuzes sieht man in Re-liefs Gottvater, zwei fliegende Engel und unten eine männliche Gestaltmit dem Kelche, vielleicht Nikodemus, der das Blut Christi auffängt.

Der schärfere Styl, namentlich in den gehäuften Falten der Gewändermag zum Theil sich aus dem Material erklären, hauptsächlich aberscheint er der Ausfluss einer übertreibenden Manier, die mit ihrenflatternden Gewandzipfeln schon seit dem Ausgange der vorigen Epochesich in manchen deutschen Bildwerken bemerklich machte. DerselbenSchule und Epoche gehört dort im Chore das Grabmal des Grafen Dedo,des Stifters der Kirche (t 1190), und seiner Gemahlin Mechthildis an. Essind edle Gestalten von lebendigem Ausdruck, mit fein entwickeltenbewegten Gewändern, jedenfalls nicht vor 1250 äusgeführt.

Im übrigen Deutschland wissen wir nur noch ein umfangreicheres Trausnitzbe

JLandsliut.

Denkmal dieser, letzten feinen Nachblüthe des romanischen Styls zunennen: die reiche plastische Ausstattung in der Doppelkapelle auf BurgTrausnitz bei Landshut. An der oberen Chorbrüstung sieht man inzierlichen Nischen fünfzehn halb lebensgrosse sitzende Gestalten Christi,

') Abb. bei Pidlriek a. a. 0. und in Försters Denkm.