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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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379
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Drittes Kapitel. Nordische Bildnerei der frühgothischen Epoche. 379

Die Grabsteine englischer Könige zu Fontevrault (S. 353) bewahrtennoch im Anfänge des Jahrhunderts überwiegend den strengen Styl derfrüheren Zeit. Erst das Denkmal König Johanns (f 1216) in der Kathe-drale von Worcester, wahrscheinlich gleich nach seinem Tode gesetzt,zeigt eine neue Weise der Darstellung. Der König liegt mit offenen Augenin lebendiger Haltung, in der Rechten das Scepter, die Linke am Schwert-griff. Der Kopf zeugt von entschiedenem Streben nach Charakteristik.Selbst der Löwe, auf dem er steht, beisst in die Schwertscheide. Es istwie die erste originelle Aeusserung eines neuen Lebensgefühls, welchesnoch mit strengeren Stylformen, mit dem parallelen Faltenwürfe und derernsten Auffassung der früheren Zeit im Kampfe liegt. Dies Streben nachAusdruck führt nun bei den zahlreichen ritterlichen Denkmälern zu einereigenthümliclien Behandlung. Die Gestalten erscheinen stets in vollerRüstung mit Kettenpanzer und kurzem Waffenrock, oft in kriegerischerHaltung und kampfbereit, meistens mit gekreuzten Beinen. Dies letzterefast genrehafte Motiv hat man wohl als Andeutung, dass der so Dar-gestellte einen Kreuzzug mitgemacht habe, erklären wollen. Es ist abernichts anderes als der Wunsch, diese rüstigen Gestalten nicht ruhend,sondern schreitend darzustellen, wie wir Aehnliches, wenngleich in andererWeise, nämlich durch Profildarstellung auf mehreren Bischofgräbern zuBamberg fanden.

Eine Reihe solcher Denkmäler sieht man in der Templerkirche zuLondon. Der früheste ist vielleicht der Grabstein des Geoffrey deMagnavilla, Grafen von Essex, mit harten Gesichtszügen, in schreitenderBewegung, die durch das wehende Gewand noch mehr hervortritt. DieRechte liegt auf der Brust, die Linke hält den Schild. Ganz ähnlich istdie Gestalt eines Lord De Ros, nur von etwas weicherer Behandlung; dieRechte wieder auf der Brust, die Linke am Schwert. In einem jüngerenLord De Ros erscheint dieselbe Auffassung zierlicher, das Schreitenelastisch, das Gewand reich motivirt; der Kopf ist trotz seines typischenLächelns und der geschwungenen Locken voll charakteristischen Lebens,die Hände sind wie zum Gebet gefaltet, der Ausdruck mild. Dagegenist die Statue des Grafen Bohun von Herefort noch ganz straff gestreckt,die Hände auf der Brust gefaltet. Noch herber, hart in der Ausführungund starr in der Haltung mit gespreizten Beinen ist das Bild des William,Marshall Grafen von Pembroke. Die rechte Hand liegt am Schwertgriff.Sein Sohn William ist dagegen mit völlig gekreuzten Beinen in sehr leben-diger Haltung dargestellt, das Schwert aus der Scheide ziehend. DerKopf ist noch hart behandelt, aber jugendlich, das Gewand fliessend.Noch kühner und ausdrucksvoller ist die ähnliche Statue des andern

Grabsteine.

Worcester.

Templer-kirche zuLondon.