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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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Drittes Buch.

Verände-rung derPlastik.

hinabsinkt, "scheinen sich die gesunden Elemente der Zeit in den auf-bltihenden Bürgerstand zu retten. Hier ist frisclies Wachsen und Ge-deihen, hier ein stolzes Selbstbewusstsein und Gefühl der eignen Kraft,die sich in kühnem Freiheitsdrang und dem Streben nach demokratischenVerfassungen ausspricht. Daneben geht aus dem Schoosse derselbenKreise, aus den bürgerlichen Mönchsorden der Städte, die jetzt mehr undmehr aufkommen und wieder einen scharfen Gegensatz gegen die altenaristokratischen Genossenschaften der Benediktiner und Cisterzienserbilden, eine ähnliche Opposition auf geistlichem Gebiete hervor und bringtan Stelle der abgestorbenen, verknöcherten Scholastik die innerlich ge-wordene, subjektiv erregte Schwärmerei der Mystiker zu Tage. So findenwir überall die alten Institutionen im Wanken, überall einen neuen Lebens-hauch thätig, die Empfindung des Einzelnen über die Schranken des Her-kömmlichen hinausstrebend.

Solche Stimmung muss den bildenden Künsten besonders förderlichsein, da sie vornehmlich befähigt sind, die Gefühle des Einzelnen zum Aus-druck zu bringen. In derThat finden wir, dass die neue Zeit sich mit allerKraft der Pflege plastischer und malerischer Thätigkeit zuwendet, ja letzterein erster Linie bevorzugt. Denn die Malerei vermag in dem zarten Schimmerder Farbe das Leben der Seele am tiefsten zu offenbaren, und wenn auchdie Plastik des Mittelalters des farbigen Schmuckes fast ohne Ausnahmetheilhaftig war, so widerstrebt doch die feste materielle Form der Innigkeiteiner ganz in Empfindung, selbst in Empfindsamkeit aufgehenden Zeit.Glauben wir doch ein flüssigeres Leben, eine freiere malerische Behandlungselbst in der Architektur dieser Epoche zu erkennen: wie hätte sich diePlastik derselben Richtung entziehen sollen! Und wirklich gehen Um-wandlungen, nicht plötzlich, sondern ganz allmählich, unvermerkt mit ihrvor, die nur aus dem Ueberwiegen des Empfindungslebens sich erklärenlassen. Die Keime zu dieser Umbildung waren schon in den Werken dervorigen Epoche vorhanden. Wir wiesen dort wiederholt auf gewissetypisch wiederkehrende Bewegungen des Körpers, auf ein conventionellesLächeln mit halbgeschlossenen Augen und heraufgezogenen Mundwinkelnhin, wodurch Innigkeit und Holdseligkeit ausgedrückt werden sollte. DieseZüge werden jetzt immer mehr verstärkt, die Gestalten ergreift ein selt-sames inneres Leben, das sich in geschwungenen Stellungen Luft macht,in starkem Herausbiegen der einen und ebenso starkem Einziehen derandern Seite, in gesenkter oder geneigter Kopfhaltung, in übertriebenemLächeln, wobei nun die Augen sogar schief gestellt werden, indem deräussere Winkel tiefer als der innere liegt. Zugleich werden die Gewand-massen gehäuft, durch viele gar zu detaillirte Falten gebrochen, die Linien