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Geschichte der Plastik von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart / dargestellt von Wilhelm Lübke
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385
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Viertes Kapitel. Nordische Bildnerei der spätgothischen Epoche. 385

auch hierin weicher geschwungen. Diese überreiche Gewandbehandlung,die sich noch aus antiken Studien herschrieb, zeichnete schon in der vori-gen Epoche die meisten deutschen Schulen aus, und da mit dem vier-zehnten Jahrhundert Deutschland wieder für längere Zeit an der Spitzedes künstlerischen Lebens im Norden steht, so lässt sich auch hier anfrühere vorbereitende Erscheinungen anknüpfen.

So tritt an die Stelle der früheren Freiheit und Naivetät jetzt eineWeichheit, die selbst in Sentimentalität und conventionelles Wesen über-geht. Aber auch in Tiefsinn und Fülle der Gedanken sind die Werke desvierzehnten Jahrhunderts denen des dreizehnten nicht ebenbürtig. Nurselten begegnen uns noch als Nachhall jener grossen Zeit die bedeutsamenBildercyklen; dagegen treten uns die Leistungen der Plastik, vereinzelterwie sie meistens sind, in viel grösserer Verbreitung entgegen. Nichtbloss in den Portalen, an den Pfeilern der Kirchen und Kapellen, auch anden Kathhäusern und Gildehallen, an den Erkern und Ecken der Wohn-häuser, ja an allen, selbst den einfachsten öffentlichen Monumenten kommtdie Plastik zu ihrem Rechte. Allerdings hatte sie keine neuen Gestaltenzu schaffen, sondern die im vorigen Jahrhundert geschaffenen nur zuwiederholen; aber in dieser häufigen Lösung derselben Aufgabe erreichtedie Kunst grosse Mannichfaltigkeit, wie man vor Allem an den Tausendenvon Madonnenstatuen erkennt. Denn keine Gestalt war so beliebt, sohäufig begehrt wie die der jungfräulichen Gottesmutter, und keine warso geeignet die Innigkeit und Wärme der Empfindung, welche die Ge-miither erfüllte, so zur Erscheinung zu bringen.

War also die Plastik dieser Zeit in wichtigen Punkten der früherenuntergeordnet, so suchte sie dafür in andrer Hinsicht einen Fortschritt,durch genaueres Eingehen auf die Natur, durch schärfere Bezeichnungund vollere Entwicklung der Form. Allein auch diese Richtung führte beider Schwäche der Naturerkenntniss keineswegs zu günstigen Resultaten;denn da ein Verständniss des gesammten körperlichen Organismus auchjetzt noch mangelte, so blieb es bei einzelnen Ansätzen, bei einer nurtheilweisen Entwicklung der Form, die den neuen Werken wohl die alteHarmonie raubte, ohne ihnen dafür eine höhere Lebenswahrheit gebenzu können. So sind sie nur stylloser, unruhiger als die früheren Arbeiten.Nur in W T erken kleiner Dimension, namentlich in Elfenbeinschnitzereien,wo der Maassstab eine genauere Durchbildung des Einzelnen kaum zu-lässt, steht das Wollen der Zeit oft im schönsten Einklänge mit demKönnen. Solche Werke geben uns den reinsten Eindruck aller liebens-würdigen Seiten dieser Zeit.

Liibke, Gesch. der Plastik.

Nene

Empfindung.

Naturalis-

mus.

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