Viertes Kapitel. Nordische Bildnerei der spätgothischen Epoche. 397
der meisten zeitgenössischen Werke weiss, vielmehr hei allen Gestalteneine schlicht natürliche Auffassung und gemüthvolle Empfindung zur Gel-tung bringt. Hier zeigt sich das bürgerliche Element der Zeit von seinerliebenswürdigen Seite. Am Tympanon ist in kleinen Reliefs die Geschichteder Maria in dicht gedrängten, lebendig bewegten Gruppen, wie es scheintnoch aus der Frühzeit des Jahrhunderts dargestellt; in den Archivoltensitzen drei Reihen von Königen und Propheten, ebenfalls noch in einfachder frühgothischen Weise sich anschliessender Behandlung. Etwas con-ventioneller, und wohl auch später sind dagegen die Propheten in derLaibung des weitvorspringenden Bogens, welcher vorhallenartig das Portalumrahmt. Aber noch weiter erstreckt sich der plastische Schmuck überdie angränzenden Theile des Baues. An der Stirnseite der beiden Strebe-pfeiler, jene Apostelreihen fortsetzend, stehen links zwei gekrönte weib-liche Gestalten, und zwar die Madonna, unter deren ausgebreitetem Mantelin kleinen Figürchen Papst, Kaiser, Mönche und Laien Schutz suchen,ein Werk voll Feierlichkeit; die andre Gestalt mit lieblichem portrait-artigen Köpfchen, sehr breiter Stirn, etwas vortretenden Augen undkleinem nonnenhaft eingehülltem Kinn, das Gewand reich gefaltet in rundlichfliessenden Linien. Ihnen entsprechend sieht man am rechten Pfeiler dieVerkündigung, ebenfalls ein treffliches Werk, besonders die Madonnamit vollem schönem Ovalkopf, die Augen demiithig niedergeschlagen, derEngel das Spruchband in den zusammengelegten Händen haltend. Endlichist oben an der Wandfläche über dem Portal, bekrönt von einem Spitz-bogenfries mit reichem Maasswerk,’ eine Darstellung des jüngsten Gerichtsin einzelnen Gestalten angebracht, auf Konsolen, welche zum Theil Aufer-stehende darstellen. Oben der thronende Christus stark verwittert, beider-seits die fürbittenden knieenden Figuren von Maria und Johannes, dannje drei schlanke, indess nur oberflächlich behandelte Engel mit den Marter-werkzeugen. Schliesslich der Höllenrachen mit den sehr ruhig drein-schauenden Verdammten, gegenüber Petrus als Himmelspförtner, dieSeligen einlassend. Alles im einfachen Styl vom Ausgange des vier-zehnten Jahrhunderts.
Einige Werke im Maximilians-Museum geben weitere Beweise vonder tüchtigen Entwickelung der dortigen Bildnerei. Vor Allem eine grossein Holz geschnitzte und polychromirte Statue der Madonna aus der Ulrichs-kirche, ein Werk vom Ende dieser Epoche, feierlich im Wurf des Gewan-des, der Kopf voll Huld und Grossartigkeit, das Christuskind minder ge-lungen. Eben so schön ist eine gleichfalls in Holz geschnitzte Statue derMadonna in der Kirche des unfern Augsburg gelegenen Dorfes Haun-stetten, bei welcher die starke Biegung des Körpers einen prächtigen
Augsburg-,
Museum.