Viertes Kapitel. Nordische Bildnerei der sp'ätgothischcn Epoche. 405
Stiftskirche eins der reifsten Werke dieser Zeit, während die übrige pla-stische Ausschmückung der Kirche eine geringere, zum Theil handwerklichrohe Ausführung verräth*). Im Uebrigen scheint in Hessen wie in West-falen die Bildnerei dieser Epoche nichts Erhebliches hervorgebracht zuhaben. Nur etwa vom Anfänge des 15. Jahrhunderts ist eine schön empfun-dene, aber vielfach beschädigte Steingruppe des in Gethsemane betendenChristus und der schlafenden Jünger, an der Johanniskirche zu Warburgzu nennen**).
Etwas regsamer zeigt sich dagegen die Bildnerei in den sächsischenLändern, ohne dass man jedoch eine an zahlreichen bedeutenden Aufgabenselbständig durchgebildete plastische Schule wahrzunehmen vermöchte.Recht bedeutende Werke sind zwei Madonnenstatuen im Dom zu Magde-burg, namentlich die grosse im Querschiff aufgestellte; ebenso zeigen amnördlichen Hauptportale daselbst die Statuen der thörichten und klugenJungfrauen den herkömmlichen Styl der Zeit in ansprechender Innigkeitder Empfindung. Minder gut, conventioneller und auch roher kehren die-selben Gestalten in geringen Variationen an der Portalhalle des Domeszu Erfurt wieder, während die Madonnenstatue im Chor der dortigenPredigerkirche edler, ausdrucksvoller, wenngleich nicht frei, von der Manierder Zeit erscheint.
Nochmals kommen die thörichten und klugen Jungfrauen am Nord-portale der oberen Pfarrkirche zu Bamberg vor, feine Gestalten in edlemGewandfluss, die thörichten besonders ausdrucksvoll in ihrer Trauer. ImBogenfelde sieht man eine dick iiberstrichene Krönung der Jungfrau. ImUebrigen scheint Bamberg in dieser Epoche noch von den glänzendenUnternehmungen des vorigen Jahrhunderts auszuruhen. Auch die benach-barte Bischofstadt Würzburg weist keine umfassendere plastische Thä-tigkeit auf, denn selbst die bildnerische Ausstattung der im Jahre 1377begonnenen zierlichen Marienkirche stammt nur zum Theil aus dieserEpoche. Am Nordportal gehören die Reliefs des Bogenfeldes etwa derFrühzeit des fünfzehnten Jahrhunderts an. Sie sind von guter Durchbil-dung und sehr lautrem Styl. Der Gegenstand ist die Verkündigung, aberdie Darstellung ist über das gewöhnliche Maass hinaus bereichert, dennoben thront Gottvater, von welchem eine Schnur wie ein langes türkischesPfeifenrohr ausgeht, das mit einer Taube am Ohre der Jungfrau mündet.Diese wunderliche Darstellung stützt sich auf die bekannte mystische An-nahme, dass Maria den Heiland durch das Ohr empfangen habe. Am
*) Kuglet-, Kl. Schriften II. S. 178.
**) S. meine Mittelalt. Kunst in Westfalen. S. 083 fg.
Warburg.
Magdeburg.
Erfurt.
Bamberg.
Wiirzburg.